Schalom Aleikum

Das Projekt „Schalom Aleikum“ wurde vom Zentralrat der Juden in Deutschland initiiert und wird seit Juni 2019 umgesetzt. Es wird von der Beauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration des Bundeskanzleramts, Frau Staatsministerin Annette Widmann-Mauz, gefördert. „Schalom Aleikum“ steht für ein neues gesellschaftliches Miteinander und zielt darauf, Jüd*innen und Muslim*innen miteinander in Dialog zu bringen und den Abbau von gegenseitigen Vorbehalten voranzutreiben.

Vor diesem Hintergrund wurden neue Formate des jüdisch-muslimischen Austauschs, die sogenannten Dialogplattformen entwickelt. Im Jahr 2019 finden unter anderem sechs solcher Dialogplattformen in verschiedenen deutschen Städten sowie eine Jahresveranstaltung statt. Teil des Projektes sind fortlaufende sozialwissenschaftliche Erhebungen, die unter anderem zur Entwicklung von pädagogischen Ansätzen für die Förderung des jüdisch-muslimischen Dialogs in Bildungsinstitutionen genutzt werden sollen.

EDUCULT evaluiert das Pilotprojekt summativ, wobei der Fokus auf der Evaluation von Strukturen und Prozessen liegt. Mit den Forschungsergebnissen soll zur evidenzbasierten Entscheidungsfindung über die Weiterentwicklung des Projekts beigetragen werden.

Salon der Kulturen – „Auflösung_Dissolution“

Im Rahmen des Salon der Kulturen präsentieren die Künstler*innen Anna Vasof, Lorenz Kunath und Sami Ajouri aktuelle Werke in der gemeinsamen Ausstellung „Auflösung_Dissolution“. Die Vernissage findet am 5. Dezember 2019 ab 18:00 Uhr in den Räumen von EDUCULT statt und ist von Osama Zatar kuratiert.

Die Architektin und Medienkünstlerin  Anna Vasof beschreibt ihre Arbeitsstrategie zusammenfassend: „I go to the heart of every question and start from zero, reinventing core premises with my own perspective.“ Im Zentrum der Kunst von Lorenz Kunath steht die Natur als Subjekt in ihrer rohen Form. Mit seinen Fotografien und Gemälden zeigt er die Details, die für die üblichen Betrachter*innen selten als bemerkenswert erscheinen. Die abstrakten Werke und Porträts von Sami Ajouri  haben ihren Kern in der  Authentizität und definieren sich anhand figurativer Darstellungen, wodurch die konventionellen Werte eines Kunstobjektes hinterfragt werden.

Salon der Kulturen – „Auflösung_Dissolution“

Vernissage: 05.12.2019, 18:00 Uhr

Ausstellung: 06.12.2019 – 30.05.2020

Ort: EDUCULT, Q21 (im MuseumsQuartier Wien), Museumsplatz 1/e-1.6, 1070 Wien
(Stiegenaufgang hinter der Glastür im Haupteingang, rechts von Café Daily – 3. Stock)
 
Künstler*innen: Anna Vasof, Lorenz Kunath, Sami Ajouri
 
Künstl. Leitung: Osama Zatar
 
Begrüßung: Dr. Aron Weigl / EDUCULT

Eintritt frei!

Wir danken der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA7), Abteilung Stadtteilkultur und Interkulturalität für die finanzielle Unterstützung dieser Veranstaltung!
 
Anna Vasof

Anna Vasof 1985 in Griechenland geboren, studierte Architektur an der Universität in Thessaly und Transmediale Kunst an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Die Künstlerin koppelt die Theorie mit der Praxis, indem sie für ihre Doktorarbeit eine Animationstechnik entwickelt und gleichzeitig für ihre künstlerischen Werke anwendet. Ihre Videos und Filme wurden mehrfach ausgezeichnet.

Ausstellungen (eine Auswahl):

  • 2019 “Statement #06 | Anna Vasof — Useless Machine”, Kunstraum Lakeside, Klagenfurt, Austria
  • 2019 Antimatter Film Festival, Victoria, Canada
  • 2018 Arsa Electronica 2018, Linz Austria

Lorenz Kunath

Der in Wien lebende und arbeitende Künstler Lorenz Kunath hat sowohl das Philosophie und Jus Studium an der Universität Wien als auch Malerei und Animationsfilm an der Universität für Angewandte Kunst in Wien absolviert. Seine Werke wurden in mehreren  Ausstellungen in Wien präsentiert.

Ausstellungen (eine Auswahl):

  • 2019 „zu h aus wo h in“ Ausstellung mit Lucia Quiqueran, Kaeshmaesh, Wien
  • 2018 „Common Fandom Terms“ eine Ausstellung der Klasse Judith Eisler, Universität für angewandte Kunst, Wien
  • 2017 „The ESSENCE“, Jahresausstellung der Universität für angewandte Kunst in Wien. Kuratierung der Klassenausstellung von Judith Eisler

Sami Ajouri

Der Künstler Sami Ajouri wurde 1980 in Syrien geboren, wo er den Studiengang Bildhauerei an der Universität für schöne Künste in Damaskus abgeschlossen hat. Im Jahr 2006 zog er nach Wien und beendete 2011 das Studium Malerei und Druckgrafik an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Seine Gemälde wurden in mehreren Städten in Ost- und Westeuropa sowie im Libanon und in Damaskus ausgestellt.

Ausstellungen (eine Auswahl):

  • 2019, “Farbrikraum”. Group exhibition at Fabrikraum Vienna
  • 2017, Ettijahat Visual arts grant, Lebanon
  • 2016, “In Memoriam for Gunter Damisch”, group exhibition at Xposit gallery, Vienna

 

 

„Stell Dir vor, es gibt Kulturpolitik und keiner geht hin“

Da saßen wir also vor ein paar Tagen zu viert zusammen, um nachzufragen, wie es um die die europäische Kulturpolitik bestellt ist. Das Depot hatte den Autor Doron Rabinovici, den Geschäftsführer der European Cultural Foundation André Wilkens und mich eingeladen, uns über die aktuelle kulturelle Verfasstheit Europas auszutauschen. Als Moderatorin konnten die Veranstalter die Historikerin Heidemarie Uhl gewinnen, die bereits vor 16 Jahren eine Podiumsdiskussion zum selben Thema geleitet hatte. Unsere Aufgabe sollte es u.a. sein, deutlich zu machen, was sich in der Zwischenzeit geändert hat. Wer nicht kam, das war das Publikum. Offenbar hatte sich von der Ankündigung niemand angesprochen gefühlt. Also richteten sich unsere acht Augen vorerst auf den Eingang, ob nicht doch jemand den Weg in das Diskurszentrum finden würde. Großes Aufatmen, als schließlich ein Besucher samt Aktentasche den Raum betrat und wir uns in Witzeleien ergingen, ab welcher Besucherzahl eine Veranstaltung regulär stattzufinden hätte. Vorweggenommen, wir haben für in der Folge auch mit dem Besucherdiskutiert, sehr anregend sogar; es wurde eine Art Privatissimum, aus dem die Referent*innen und hoffentlich auch der, für den die Veranstaltung gedacht war, angeregt herausgegangen sind. Jetzt kann man lange darüber diskutieren, was Menschen abgehalten hat, eine solche Veranstaltung zu besuchen. Die Diskutant*innen werden es hoffentlich nicht gewesen sein: Immerhin wurde André Wilkens, der kulturpolitisch vielfältig tätig war, eigens aus Amsterdam eingeflogen und auch von Doron Rabinovici und Heidemarie Uhl weiß ich, dass sie in anderen Zusammenhängen durchaus auf Publikumsinteresse stoßen. Also bleiben die üblichen Verdachtsmomente: Regen, Programmdichte, Parallelveranstaltungen, vielleicht auch mangelnde Öffentlichkeitsarbeit.

Gibt es überhaupt noch jemand, der über Kulturpolitik sprechen will?

Meine Vermutung aber geht dahin, dass sich hier ein grundsätzlicheres Problem zeigt. Immerhin könnte es sein, dass sich in dieser Form der Besuchsverweigerung ein tiefergehendes Desinteresse an Fragen der Kulturpolitik im Allgemeinen und europäische Kulturpolitik im Besonderen ausdrückt. Dann wäre es die Irrelevanz des Themas, das selbst die Akteure des Kulturbetriebs nicht mehr hinter dem Ofen hervorholt, geschweige denn Menschen, die Kultur gelegentlich konsumieren. Falsch, mag der Leser/die Leserin einwenden: Knapp vor den Wahlen gab es doch im Depot eine kulturpolitische Diskussionsveranstaltung, an dem –bis auf die freiheitlichen –alle Kultursprecher*innen der wahlwerbenden Parteien teilgenommen haben und zu der die Massen geströmt sind. Auffallend aber war, dass die politische Dimension dessen, worum es gehen sollte, bereits damals kaum der Rede wert erschien. Die Besucher*innen interessierte vor allem, mit welchen Versprechen in Sachen Förderung und allenfalls noch in Sachen Verbesserung der sozialen Lage der Kulturschaffenden die Wahlwerber*innen auftreten würden. Grundtenor: Kulturpolitiker*innen sollen die notwendigen Mittel zur Verfügung stellen und uns ansonsten in Ruhe lassen. Ihnen nimmt ohnehin niemand mehr ihre gesellschaftspolitischen Ambitionen ab.

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Kultur IST Vermittlung – Eine kleine Reise durch das aktuelle Vermittlungsgeschehen

In diesen Tagen war ich in ganz unterschiedlicher Weise mit dem Thema „Vermittlung“ konfrontiert. Grund genug, dem Phänomen genauer nachzugehen.

Es begann alles bei einem Besuch des Unteren Belvedere. Im Hof war ein Mittelalter-Markt aufgebaut. Menschen in mittelalterlicher Verkleidung verkauften Essen und Trinken sowie allen möglichen Trödel, der sonst zu den Attraktionen von Weihnachtsmärkten zählt. Man konnte auf diesen typischen Heurigenbänken Platz nehmen und sich von mittelalterlicher Musik aus der Konserve berieseln lassen. Im Keller traf man auf andere mittelalterlich Verkleidete, diesmal zusammen mit einer Schar von Kindern, die inmitten der zahlreichen Tourist*innen selbstgebastelte Kronen und Burgen vor sich hertrugen.

Von diesem Szenario etwas irritiert machte ich mich auf der Website des Belvedere kundig und fand dort einen Vermittlungsschwerpunkt „Leben im Mittelalter“, der immerhin Bezug nimmt auf die eigene Sammlung mittelalterlicher Kunstwerke im Prunksaal und Schüler*innen doch etwas ganz anderes verhandeln will.  Geht es nach den Vermittler*innen, dann erfahren „die  Kinder mehr über fromme Herrscher und fleißige Bauersleute, seltsame Tischmanieren und eigenwillige Modetrends“.

Seither hadere ich mit der Frage, ob es wirklich die Aufgabe eines der führenden österreichischen Museen ist, eine derart klischierte Inszenierung von tradierten Vorstellungen über das Mittelalter zu beherbergen und was ein allfälliger, durch Kunst ermöglichter Bildungsgewinn für die Kinder sein könnte, die an solchen Programmen teilnehmen?

Vermittlung als Instrument der eigenen Bestandssicherung

Wahr ist, dass zumal öffentlich finanzierte Kultureinrichtungen heute nicht mehr darum herumkommen, ein Vermittlungsprogramm anzubieten. Kulturpolitisch wird dieses gerne begründet mit der Notwendigkeit, sich neuen, bislang vernachlässigten Zielgruppen zuzuwenden und ihnen die Welt der Kultur zu eröffnen. Pragmatisch läuft dieser Auftrag gerne auf das Bemühen hinaus, junge Menschen (samt ihren Angehörigen) enger an die Institution zu binden, in der Hoffnung, sie als regelmäßige Besucher*innen gewinnen zu können. Dafür erscheint es sinnvoll, einen positiven Bezug zum aktuellen Programmangebot und darüber hinaus zur gesamten Institution zu ermöglichen (im besten Fall erlaubt diese Strategie auch einen positiven Effekt für die Institution in Form einer zusätzlichen Legitimierung staatlicher Privilegierung: Wir bieten ein Angebot für alle Menschen!)

Werden Kultureinrichtungen a la longue die Aufgaben der Schule übernehmen?

In der Vermittler*innen-Szene wächst aber noch ein weiterer Anspruch. Dieser besteht im Glauben, die wachsenden Defizite in der schulischen kulturellen Bildung kompensieren zu müssen. Jungen Menschen sollte in einem außerschulischen und damit besonders attraktiven Ambiente ein ästhetisches Grundrüstzeug vermittelt werden, um so deren kreative Potentiale entwickeln zu helfen. Dabei geht es bestenfalls peripher um das, was die jeweilige Einrichtung künstlerisch ausmacht. Hauptsache, die jungen Menschen arbeiten sich (siehe oben) an den Bekleidungsformen und Tischmanieren des Mittelalters ab und schaffen dafür „eigene“ Darstellungsformen, wie konventionell diese dann im Details ausfallen mögen. Sicher spielt hier auch ein tief verinnerlichter Befund eine zentrale Rolle, wonach „Kunst“ im Vollsinn nur einer kleinen Elite zugänglich sei und daher unabweisbar auf soziale Ausgrenzung hinziele. Alltagsästhetische Fragen hingegen beträfen alle Menschen und sollten somit auch mit allen verhandelt werden. Dass die Beschäftigung damit gleich auf dem Niveau des beschriebenen Mittelaltermarktes verhandelt werden muss, um nur ja „alle“ zu erreichen, könnte durchaus zu gegenteiligen Effekten führen (ein diesbezüglicher Trend der wachsenden Neo-Segregation kann anhand des aktuellen Hypes rund um Privatschulen, die sich gegen das vermeintlich zu niedrige Niveau der Öffentlichen Schulen abzugrenzen versuchen, gutnachvollzogen werden).

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„Überentwicklung – Unterentwicklung“. Eine kleine autobiographische Revue – Teil III

Während meiner Tätigkeit als junger Lehrer in Wr. Neustadt machte ich eine erste Bekanntschaft mit dem Leiter des damals gerade erst gegründeten Österreichischen Kultur-Service (ÖKS). Der Galerist Herbert Gras, der in der Grünangergasse junge Kunst ausgestellt hat, gehörte zusammen mit Hans Pusch und Fritz Hermann zum engsten kulturpolitischen Beraterkreis des damaligen Unterrichts- und Kunstministers Fred Sinowatz. Er residierte damals mit seinem Freund, dem Künstler Manfred Nisslmüller am Schwedenplatz und entwickelte erstmals im Auftrag des BMUK innovative Kunstprojekte für Schulen. Und ich hatte keine Ahnung, dass der ÖKS ein paar Jahre später eine zentrale Rolle in meinem beruflichen Leben einnehmen würde (dazu später mehr).

Ich interessierte mich aber auch für andere mögliche Kooperationspartner*innen und stieß dabei auf den Jugendrat für Entwicklungshilfe. Die dort Beschäftigten standen für mich für einen offenen und zugleich kritischen Blick auf eine Welt, die ansonsten nur selten in der provinziellen Enge der Kleinstadt Spuren hinterließ. Also organisierten wir 1977 oder 1978 gemeinsam einen „Dritte Welt Tag“ für die gesamte Schule, an dem sich die Schülerinnen in vielfältigen Aktionsformen (spielen, singen und musizieren, basteln, Texte verfassen, Theater spielen, diskutieren, kochen, Dritte Welt Produkte verkaufen und kaufen,…) zum Thema der weltweit ungleichen Ressourcenverteilung beteiligten. Wahrscheinlich erklang dabei zum ersten Mal das dort von einer bolivianischen Gruppe gespielte „El Conor Pasa“ im ansonsten sehr lokalen Ambiente Wr. Neustadts und erlaubte von dort aus einen Blick in die große weite Welt.

Etwas zu wollen ist zu wenig, man muss das Wollen auch umsetzen können

Nach dem kurzen Sommer des Widerstands gegen eine, von der damaligen Direktorin repräsentierte, schulische Ungerechtigkeit musste ich bald erkennen, dass ich (und mit mir ein beträchtlicher Teil der Schüler*innen) zwar einen moralischen Sieg errungen hatten, die Fakten der Nichtweiterbeschäftigung in Wr. Neustadt aber nicht zu leugnen waren und das Leben trotzdem weiter gehen musste. Weitreichende Pläne, zusammen mit einem Lehrer-Kollegen, der mich in meinem Kampf gegen die Direktorin besonders unterstützt hatte (und als Familienvater mit drei kleinen Kindern besonderen Drohungen ausgesetzt war), einen Bauernhof zu kaufen und in der Folge mit alternativer Landwirtschaft das Auskommen zu finden, zerplatzten (Gott sei Dank) schon bald als illusionäre Seifenblasen.

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EDUCULT im Gespräch mit Bekim Morina

Der 1986 im Kosovo geborene Schauspieler Bekim Morina lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Wien. 2004 bis 2008 studierte er Schauspiel an der Kunstuniversität Prishtina, seit 2017 studiert er Schauspiel und Performance an der diverCITYLAB-Akademie in Wien. Mit EDUCULT hat er über seine Kindheit im Kosovo der 1990er Jahre, seinen Werdegang und über die Hürden des Schauspieler*innenberufes in Wien und anderswo gesprochen.

EDUCULT: Wie lange sind Sie schon in Wien? Was haben Sie vorher gemacht und was tun Sie jetzt?

Bekim Morina: Ich bin Bekim Morina, ich bin im Kosovo geboren. Damals war es Jugoslawien. In den 90er Jahren war ich dort in der Hauptschule. Ich komme aus einer kleinen Stadt, sie heißt Gllareva, sie liegt im Kosovo. Die Hauptschule war interessant, aber die Situation war schwierig. Wir waren unter Druck, damals war das Milosevic-Regime bei uns. Von 1990 bis 1999 war es schwer. Mein Vater hat immer Probleme gehabt mit dem Regime und musste immer wieder flüchten, nach Deutschland, Slowenien. Und dann, auf einmal, kommt 1998 der Krieg. Unser Haus war ganz in der Nähe von einer Bundesstraße, die Peja und Prishtina, die Hauptstadt vom Kosovo, verbindet. Im ersten Monat, in dem die Eskalation war, mussten wir aus meinem Dorf flüchten. Es war zu riskant, die Panzer sind immer durch die Hauptstraße gefahren. Meine Kindheit war schwierig. Fast 14 Monate lang mussten wir flüchten, ich war nie irgendwo Zuhause. Von meiner Zeit als Kind habe ich nicht so schöne Erinnerungen. Jetzt sehe ich die Bilder von Syrien, wie die Kinder dort leiden – das macht mich einfach fertig. Weil ich kenne das Gefühl, wie schwer das ist. Der Krieg war lang, von März 1998 bis Juni 1999, die letzten drei Monate waren wir im Wald. Damals waren die Bombardierungen auf Serbien von der NATO, auf einmal war Schluss. Ich war so froh, obwohl ich viele Freunde von der Schule verloren habe durch Massaker, durch Bomben und so weiter. Nach dem Krieg fahren wir zurück nach Hause in unser Dorf, unserer Häuser waren alle zerstört.

Wann war das?

Wir sind zurück, am 10. Juni 1999 war Schluss. Die NATO-Truppen waren schon da, aber wir waren zwei Tage nur im Wald, wir hatten Angst vor den Minen. Dann waren wir bei uns zu Hause im Dorf, mein Papa war beim Militär. Er wusste, dass es gefährlich ist und hat im Dorf Kühe gefunden, hat die zusammengebunden und sie in unseren Garten gebracht. Er hatte immer Angst, dass Minen da sind. Also kamen zuerst die Kühe rein und dann sind wir hinter denen reingegangen. Aber wir haben kein Haus gehabt, wir haben von der UNHCR/UN ein Zelt bekommen. Wir waren dort bis November und haben dann einen Raum im Haus saniert. 1999/2000 war schwer für mich, für die ganze Familie. Dann war ich wieder zurück in der Schule, damals in der achten Klasse. Da hab ich mein erstes Stück gespielt in der Schule. Die haben mich eingeladen als Schauspieler, weil ich immer der Komische in unserer Klasse war und die haben gesagt, komm Du hast Energie. Dann haben wir das Stück gemacht und es war einfach voller Lust, weil wir traumatisiert waren, alle. 

Um was ging’s in dem Stück?

Das Stück hatte mit Krieg zu tun, mehr aber noch mit Frieden, aber ich habe es mittlerweile ganz vergessen. Es war mehr ein Stück für Kinder. Und dann bin ich aufgenommen worden ins Gymnasium, ich war ein guter Schüler. 2004 war ich fertig mit dem Abitur und habe mich gefragt: Was soll ich jetzt machen? Meine Mutter wollte, dass ich Pharmazie studiere, weil mein großer Bruder Arzt war. Papa wollte etwas anderes und ich habe mich für die Kunstakademie entschieden. Und dann war ich in Prishtina, in der Hauptstadt, und habe eine Aufnahmeprüfung gemacht. Wir waren viele Bewerber*innen damals und es wurden nur acht aufgenommen und ich war einer von denen. Ich habe zwei Jahre lang studiert, ich war ein guter Schauspieler damals, 2006 bin ich raus von der Schauspielschule, weil es mit dem Geld schwierig war. Ich konnte mir nichts mehr leisten. Ich komme aus einer Familie mit neun Kindern, damals waren wir vier Studierende und mein Papa hat bei der Polizei gearbeitet, er hat pro Monat 226 Euro verdient. Mit vier Kindern in der Universität war es schwer und ich habe mir ein Jahr frei genommen von der Schauspielschule. Ich wollte ein Stipendium bekommen, damit ich woanders studieren kann. Ich habe eines bekommen für Griechenland und dann für Italien. Ich war dort und hab nur gearbeitet, dass ich meine Familie unterstützen kann.

Als was haben Sie gearbeitet?

Alles, alles Mögliche, gar nicht Schauspiel. 2006 bis 2007 habe ich Geld zu meinem Bruder und meiner Schwester geschickt, die auch studiert haben, und zu meinen Eltern. Bei uns war alles zerstört und wir haben immer versucht unser Haus zu bauen. 2007 war ich zurück, fertig mit der Schauspielschule in Prishtina und habe diplomiert. Ich habe im Stadttheater gearbeitet, 150 Euro im Monat habe ich bekommen als Mitglied. Und dann habe ich in verschiedenen Kurzfilmen/TV Filmen gespielt, aber die Bezahlung war schlecht, weil dort kein Geld war. Für TV-Serien habe ich 50 Euro pro Episode bekommen, ich war sehr zufrieden, weil ich mit meinem Geld überleben konnte. Leben nicht, sondern überleben. Bis 2010/2011 war ich immer wieder im Ausland, war in Österreich in den Sommerferien, hab gearbeitet bei meinem Schwager. Der lebt hier in Baden bei Wien mit meiner Schwester. Und dann habe ich auf der Uni Wien inskribiert für Theater-, Film- und Medienwissenschaften. Dann bin ich 2011 hergekommen, habe ab 2012 zwei Jahre lang einen Deutschkurs gemacht und nebenbei immer gearbeitet. Dann habe ich im November 2013 angefangen mit Vorlesungen auf der Hauptuni Wien, aber ich habe nicht viel verstanden, es war mir zu schwer, viel zu viel Stoff. Ich habe es mir anders vorgestellt, dass Theater-, Film- und Medienwissenschaften praktischer ist, nicht so theoretisch. Bis 2017 habe ich in der Zwischenzeit ein wenig Komparserie gemacht und kurze Filme, hier in Österreich. Aber nicht so viele Aufträge. Und dann habe ich zufällig Aslı Kışlal getroffen und sie hat mir erklärt, es gibt eine Schauspielakademie und dann bin ich dorthin gegangen und aufgenommen worden. Es gab keine Prüfung, sondern drei Monate lang einen Workshop, zum Schluss haben wir eine Performance gemacht und dann sind ein paar von uns aufgenommen worden. Und seitdem bin ich bei diverCITYLAB, dritter Jahrgang. Ich habe Schauspiel studiert, aber das hier war der einzige Weg mich darzustellen, dass ich mehr Kontakt habe zu dem Beruf, dass ich mehr anerkannt bin. Ich habe wirklich Glück gehabt, weil bei diverCITYLAB funktioniert alles super. Ich habe eine klassische Schauspielschule in Prishtina gemacht, das war typisch Stanislawski, das war super, aber hier haben wir jetzt verschiedene Methoden, verschiedene Lehrer von verschiedenen Ländern, verschiedene Meinungen, irgendwie anders und viel besser, weil bei dem Beruf lernt man immer sein Leben lang und ich fühle mich super dort. Wir haben Kooperationen mit verschiedenen Theatern gehabt, Volkstheater, Dschungel Wien, Toxicdreams, mit verschiedenen Performances und bis jetzt ist es super gelaufen. Also nicht wie ich mir vorgestellt habe, dass ich schnell in der Branche bin, aber es ist super, das hat mir einfach geholfen. Das war meine kurze Vita.

Wunderbar, dankeschön. Zum Nachvollziehen: Sie sind 2011/12 gleich nach Wien gekommen?

Die ersten drei Monate war ich in Baden bei meiner Schwester und dann habe ich eine Wohnung im 15. Bezirk gefunden, von meiner Tante übernommen. 

Inwieweit haben Sie versucht Schauspielmöglichkeiten zu bekommen? Wie geht man vor, wenn man gar niemanden kennt, wenn man herkommt und in dem Bereich arbeiten will? Sie haben gesagt, dass es auch Möglichkeiten gab, in Filmen mitzuwirken. Wie kam es dazu?

Am Anfang konnte ich gar nicht Deutsch schreiben, ich habe es mit Englisch versucht oder ich habe in die E-Mail ein Bewerbungsmuster von Google kopiert – „Wie schreibt man eine Bewerbung richtig?“. Ich habe an verschiedene Theater geschrieben. Damals war ich nicht so gut informiert, ich wusste nicht, wie das geht. Habe mir gedacht, es ist so wie im Kosovo, es gibt ein Theater, dort bewirbst du dich und die nehmen das an. Es war anders. Casting-Agenturen hatte ich vergessen. Und ich habe es so versucht, die ganze Zeit. Ich habe es zu verschiedenen Theatern geschickt, vielleicht auch ans Burgtheater und auch ans Volkstheater, sogar Kosmostheater und auf einmal kommt eine Antwort: „Wir sind ein Frauentheater“. So war meine Lösung damals, ich habe verschiedene Mails geschickt: Ich bin ein Schauspieler, ich habe das studiert. Ich hatte überhaupt kein Material, keinen CV für Österreich. Aber das ist nicht so gut gelungen. Und dann habe ich Portale im Internet gelesen – auf Facebook gibt es eines für Schauspieljobs – und dort bin ich in ein paar Castings eingeladen worden. Ein paar von denen habe ich geschafft, Low Budget war das fast immer. So ist das die ganze Zeit gegangen. Jetzt verstehe ich es besser, ich habe einen CV. Jetzt gehe ich direkt zum Caster und frage, ob sie mich in eine Agentur aufnehmen können. Ich habe eine Agentur in Bayern und eine in Wien. Aber ich habe an ca. 50 Castingagenturen in Österreich, Deutschland und der Schweiz etwas abgeschickt und warte, bis etwas kommt. Aber die Frage war, ob es schwer war – es war nicht nur schwer, sondern hoffnungslos, würde ich sagen. Ich habe mehr erwartet, als ich begonnen habe. Aber das ist eh normal. Ich habe mal gelesen, in Wien gibt es 50 Bühnen. Wie ist es möglich, dass es so schwer ist, in eine Bühne hineinzukommen? Aber es ist halt so. Und es ist auch die Sprache, ich lerne immer noch Deutsch.

Wie war die Erfahrung, dass die Sprachkenntnisse gerade im Schauspielberuf so wichtig sind? Wie haben Theater damals reagiert – oder vielleicht jetzt noch? Haben Sie irgendwelche Erfahrungen bezüglich der Sprache gemacht? Gibt es immer noch das Bedürfnis nach der Bühnensprache Deutsch?  

Ja, selbstverständlich. In mehreren Castings war ich immer in der zweiten Runde. Es war die Sprache, weswegen ich nicht aufgenommen wurde. Auf der Theaterbühne ist es schwer, da habe ich mehr Erwartungen gehabt, aber beim Film auch. Es gab einen Moment, wo ich zur Kostümprobe geladen worden bin. Ich war fertig, ich hatte die Rolle schon bekommen, es war eine super Nebenrolle in einem sehr berühmten Film in Österreich. Während der Kostümauswahl haben sie mich dann angerufen und haben gesagt, es tut uns leid, wir haben uns für jemanden anderen entschieden. Ich war sehr niedergeschlagen. In der ersten Runde war ich super, in der zweiten Runde auch, irgendwann haben sie entschieden, es geht einfach nicht. Er ist als Schauspieler super, aber ihn können wir nicht nehmen, weil er einen starken Akzent hat.

Und das ist bei Theater und Film gleichermaßen?

Nein, Theater ist auf jeden Fall viel schwerer. Beim Theater ist es schwerer, eine Rolle zu bekommen, aber wenn man einmal drin ist, ist es viel leichter, weil wir haben Proben, da kann ich an meinem Hochdeutsch arbeiten, an den richtigen Vokalen und der Betonung. Beim Film ist das etwas anderes. Ich habe verschiedene Rollen gespielt beim Film, aber das waren Ausländerrollen, Klischeerollen, Taxifahrer und so weiter.

Bei diverCITYLAB gibt es ja ganz bewusst eine andere Herangehensweise, das haben Sie schon vorhin etwas beschrieben. Aber auch die Schauspieler*innen, die dort aufgenommen werden, sind unterschiedlicher Herkünfte, diverser, da wird von vorneherein wahrscheinlich ganz anders mit Sprache gearbeitet, oder?

Viel mehr, ja.

Gibt es da einen Ansatz, dass versucht wird, die Theaterlandschaft zu verändern? Weil das letztendlich das ist, was passieren müsste, damit auch andere Rollen vergeben werden und nicht nur Klischeerollen. 

Das ist das Ziel von diverCITYLAB. Dort sind wir divers: Österreicher*innen und Deutsche, aus Ex-Jugoslawien, Irak und anderen arabischen Ländern, unterschiedliche Herkünfte. Ich bin sehr froh, dass ich dort bin, weil es dort ein Verständnis dafür gibt, dass ich auf der Bühne bin und manchmal die Vokale oder die Betonung falsch sage. Sie wissen, ok, das ist falsch, weil er Ausländer ist, er ist Schauspieler, aber er kann mit der Sprache nicht richtig umgehen. Und wir sind uns bewusst, dass wir Fehler machen. Wir sind uns darüber alle bewusst, und dann kann man viel leichter damit arbeiten. Wir haben super Lehrer*innen für Stimme und Sprache und seit ich dort bin, sehe ich, dass ich mich sehr verändert habe, viel gelernt habe, die deutschen Texte sind nicht mehr so schwer wie früher – ich verstehe sie besser. Dank diverCITYLAB habe ich keine Angst mehr. Ich habe vor meinen Fehlern in der Sprache auf der Bühne keine Angst mehr.

Geht es dann trotzdem darum, die Sprache zu perfektionieren? Ist das dann trotzdem das Ziel?

Wir haben das Ziel, auf jeden Fall, aber es muss nicht unbedingt sein – wir können nicht fliegen. Aber wir wollen, dass die Österreicher*innen – also die Wiener Bühnen – uns verstehen. Es gibt Schauspieler*innen, die schauspielen können, aber vielleicht nicht perfekt sprechen. Wir versuchen, in Wien Fuß zu fassen, auch im Burgtheater vielleicht. Obwohl mir lieber ist, irgendwo anders zu spielen als dort, aber sagen wir so: Die haben ein ungeschriebenes Gesetz. Die österreichischen Schauspieler*innen haben auch ein Problem, dort Fuß zu fassen, weil sie einen österreichischen Akzent haben. Ich sehe zum Beispiel beim Max Reinhardt Seminar: 80 Prozent sind Deutsche, der Rest sind Österreicher*innen oder aus einem anderen Land. Sprache ist wichtig beim Schauspiel, das ist wie eine Waffe. Aber es müsste nicht unbedingt so sein.

Das ist natürlich das dominante Theaterverständnis: Sprechtheater. Aber es gibt auch andere Theaterformen. Arbeitet ihr zum Beispiel auch in Richtung Performance? Spielt die Sprache bei euren Arbeiten am diverCITYLAB trotzdem eine zentrale Rolle oder gibt es andere Elemente, die ihr stärker hervorhebt?

Nicht unbedingt die zentrale Rolle, aber sie ist wichtig. Zumindest für mich.

Also es geht jetzt nicht darum, zu sagen „Sprache ist egal, wir machen mehr Körpertheater“ oder …

Nein, nein, es ist Körper und Sprache, beides. Die gehen ja beide Hand in Hand. Nein, Sprache ist auf jeden Fall wichtig. Wir haben extra sechs Mal pro Woche Sprechunterricht und Technik. Wenn ich ehrlich bin, war ich am Anfang bei diverCITYLAB nur für die Sprache. Ich war im Deutschkurs und ich war nicht richtig regelmäßig dort, weil ich immer arbeiten musste, aber bei diverCITYLAB habe ich mich voll auf die Sprache konzentriert, denn da lernt man die Tools, wie man Texte lernen kann. Am Anfang war ich nur für die Sprache dort, weil ich gedacht habe, „ich bin ausgebildeter Schauspieler, was soll ich jetzt dort lernen ?“ – aber das stimmte nicht. Weil man immer etwas lernt. Dann habe ich herausgefunden, okay, da ist Performance – in Prishtina habe ich nie so etwas gehabt – und habe gesehen, es gibt Methoden, wie Meisner oder Stella Adler, und habe gesehen, dass ich mich geirrt hatte. Und habe dann beschlossen, mich voll darauf zu konzentrieren, mit allem was dazugehört. Und es ist kostenlos! In der kapitalistischen Welt gibt es keine Schauspielschule kostenlos. 

DiverCITYLAB ist kostenlos?

Ja, es ist von der Stadt Wien gefördert. 

Und die Lebenserhaltungskosten müssen Sie dann trotzdem irgendwie anders bestreiten, also es gibt kein Stipendium oder so etwas?

Nein, ich habe so etwas nicht. Ich bin selbstständiger Künstler in Österreich, ich muss alles selbst zahlen. Und in Wahrheit habe ich manchmal auch kein Recht zu arbeiten. Von der MA35 aus darf ich nur als Künstler arbeiten. Ich darf keine Kellnerjobs oder so haben. Und ich muss irgendwie überleben. Meiner Familie geht’s jetzt super. Aber früher war es schwer und sie konnten mir nicht immer helfen, also ich bin über 30 jetzt.

Nur von der künstlerischen Arbeit können sie derzeit nicht leben?

Derzeit nicht. Ich bin 2019/20 beim Dschungel Wien mit „Was ihr wollt“, trotzdem ist es schwer. Obwohl ich eine Wohnung habe, die nicht so teuer ist.

Da ist die Regelung der MA35 sehr kontraproduktiv.

Ja. Ich kann nicht einmal einen Nebenjob haben. Früher schon, als Student konnte ich, aber als Künstler nicht. Vielleicht bekomme ich ja über Weihnachten die österreichische Staatsbürgerschaft.

Etwas anderes, weil Sie vorher von Angst bezüglich der Sprache geredet haben: „Ich beherrsche die Sprache nicht und muss dann auf der Bühne stehen oder im Film spielen“ – woher kommt diese Angst eigentlich? Man hat das Gefühl, man kann die Sprache nicht, aber wird das von den anderen, mit denen man arbeitet, auch so vermittelt?

Als Schauspieler*in hast du immer Angst: körperlich oder sind die Emotionen falsch oder bekomme ich keine Emotionen, die ich vermitteln kann. Sprache ist die Basis zum Vermitteln, das ist das Problem beim Sprechtheater. Ich hab körperlich eine super Präsenz, aber ich habe immer noch Angst und wenn es um die Sprache geht, ist es immer schwierig. Manchmal sag ich das falsche E oder manchmal kommt die Betonung falsch, weil es nicht meine Sprache ist und deswegen fällt es mir nicht auf, wenn es falsch ist. Und das ist die Angst: die Sprache ist immer noch „künstlich“ bei mir. Ich versuche immer zu lernen, wie es richtig ist, aber den Fehler selber zu finden ist schwer. Ich spreche verschiedene Sprachen, so mittelmäßig Italienisch, Serbisch, Englisch. Deutsch war irgendwie schwerer als die anderen. Ich war sieben Monate in Italien und im dritten Monat konnte ich einfach reden, es war irgendwie leicht. Serbisch ist etwas anderes, als Kind habe ich immer die Wörter um mich gehabt. Ich konnte nicht einmal einen Film sehen ohne Serbisch. Es gab keine Filme auf Albanisch, ich musste unbedingt Tom & Jerry auf Serbisch hören oder Popeye auf Englisch. Und dann bin ich nach Österreich gekommen und auf einmal fällt mir die Sprache schwer. Wieso gibt es „die“, „der“ und „das“? Wieso sind die Vokale anders, wieso ist alles umgekehrt zum Albanischen? Albanisch ist eine indogermanische Sprache, aber trotzdem ganz anders als Deutsch. Die Angst kommt von da.

Also von einem selbst? Nicht weil andere diese Angst auf einen projizieren?

Am Anfang habe ich die Angst von anderen bekommen. Die haben gesagt: „Es tut uns leid, du kannst die Rolle nicht haben, weil du kannst nicht gescheit reden“. „Es tut uns leid wir finden dich als Schauspieler toll, aber…“ – daher kommt die Angst. Angst ist in Wahrheit überall. Ich habe Angst, dass ich die Rolle gar nicht bekomme. Die Angst nimmt dann den Körper, sie ist näher als das Hemd.

Das ist im beruflichen, professionellen Umfeld, wie ist das in der Gesellschaft insgesamt? Sie sind ja schon lange hier, wie ist das Gefühl nach dieser Zeit?

Ich habe Hoffnung, weil ich sehe, dass sich jetzt etwas bewegt. Es gibt Leute mit Akzent, die im Max Reinhardt Seminar aufgenommen sind. Ich sehe manchmal Schauspieler im Volkstheater die mit starkem Akzent spielen. Ich spiele eine Figur im Dschungel Wien, die einen Akzent hat und in der Mitte vom Stück Illyrisch spricht, weil es um Illyrien geht und Illyrisch ist auf einmal Albanisch. Ich sehe eine Veränderung und das gibt mir Hoffnung. Aber es ist immer noch für alle schwer.

Gibt es Rückmeldungen vom Publikum?

Ja! Es ist interessant. Wir haben in dem Stück „Was ihr wollt“ im Dschungel Wien eine Szene, wo wir Albanisch sprechen und die Leute sind nach der Premiere gekommen und haben gesagt, wir haben dich verstanden. Du hast Illyrisch/Albanisch gesprochen, keine Ahnung was du gesprochen hast, aber wir haben dich verstanden. Das hat mich sehr gefreut. Albaner*innen hätten es natürlich verstanden, aber das waren deutsche Schauspieler, Freunde von mir. Viele haben mir gesagt, dass es super war.

Was wieder darauf hinweisen würde, das man auch anders verstehen kann, nicht nur über die direkte Bedeutung von Worten. Aber unabhängig vom Publikum – fühlen Sie sich insgesamt in der Gesellschaft als Schauspieler und Mensch angenommen?

Ich sag die Wahrheit: Ich bin immer aufgenommen. In Österreich, in Wien oder Wien Umgebung fühle ich mich immer wohl, mit Bekannten und Unbekannten. Das Gefühl hatte ich von Anfang an. Ich bin viel in verschiedene Länder gereist, aber in Österreich fühle ich mich immer aufgenommen. Deswegen bin ich vielleicht noch da. Ich habe viele Freunde, Österreicher und Deutsche. Sogar bei der Polizei fühl ich mich aufgenommen. Wenn die mich aufgehalten haben, haben sie immer über mich gelacht und mir keine Strafe gegeben, weil ich immer Witze erzählt oder gelogen habe. Auch bei der MA35, ich verstehe, es ist schwer dort, die Mitarbeiter*innen haben mit verschiedenen Nationalitäten zu tun, die teilweise nicht richtig Deutsch können, erklären können oder nervös sind. Aber auch mit denen habe ich immer eine super Beziehung gehabt und es hat alles super funktioniert. Viele meiner Freunde haben andere Erfahrungen gemacht. Vielleicht ist die Tatsache, dass ich mich so angenommen fühle, der Grund, warum ich immer noch da bin. Ich habe ein Visum für Amerika, ich kann jederzeit dorthin reisen und leben, aber das mag ich nicht. Ich wollte immer ein Visum haben für Amerika, wegen Hollywood und so, aber dort stimmt ja auch nichts. Ob ich zurück in den Kosovo gehe, das weiß ich nicht. Ich habe meine Verbindung dorthin verloren. Meine Mutter und meine Familie leben noch dort, aber im Theater, wo ich gearbeitet habe, kenne ich niemanden mehr. Ich hab nicht mehr richtig Kontakt dorthin, die haben mich zwar eingeladen März 2020 in einem Kinofilm zu spielen, aber das muss ich mir erstmal überlegen, ob ich dorthin gehe. Ich will, aber ich weiß es nicht. Ich bin irgendwie „no man‘s land“ – dazwischen. Ich versuche mein Zuhause zu finden und hier fühle ich mich wohl zurzeit, sogar von Anfang an.

Und jetzt sind Sie im dritten Jahr diverCITYLAB. Insgesamt sind es vier Jahre, oder?

Das vierte Jahr ist die praktische Prüfung und die Vorbereitungen darauf, aber das brauche ich nicht, ich habe ja schon ein Diplom. Ich werde teilnehmen, ich werde die Monologe lernen und alles machen wie die anderen, aber ob ich dort antrete, das weiß ich nicht – ich brauche es ja nicht in Wahrheit. Ich werde mehr Raum für die anderen lassen, die das mehr brauchen.

Und ist schon ein Gefühl da, was danach kommen könnte? Haben Sie bereits eine Vorstellung?

Da weiß ich schon, wie das ist, durch das Studium in Prishtina. Da hab ich gedacht, wenn ich das dritte Jahr fertig habe, dann bin ich berühmt und bin auf den Bühnen, jeder kennt mich. Auf einmal war das nicht so. Ich weiß, dass das wieder so kommt. Das ist normal. Du bist fertig mit der Schauspielschule und gehst raus und wenn du Glück hast, hast du einen Auftrag und wenn nicht, dann musst du für dich selber arbeiten. Ich weiß, wie es kommt. Ich hoffe, es wird mehr Arbeit und Aufträge geben, Theater oder Filme. Ich versuche über Netflix-Serien Fuß zu fassen, ich habe vielleicht ein paar Castings in Deutschland, die haben mir zurückgeschrieben. In Deutschland ist viel mehr Arbeit als hier, zumindest in der Filmbranche. Ich rede immer mit den Kolleg*innen, die nicht richtig wissen, was da kommt: „Das vierte Jahr wird bald kommen und ihr müsst dranbleiben und kämpfen bis zum Schluss. Es wird Zeiten geben, da bist du zu Hause und wartest und es kommt nichts“. Ich weiß also, was auf mich zukommt.

Und wie wichtig die Netzwerke sind und die Menschen in diesem Bereich zu kennen.

Das ist das Wichtigste bei dem Beruf: dass du ein Netzwerk hast, dass du Leute kennst. Die können dich vorschlagen, oder die helfen dir bei einem Casting und geben dir die Infos für ein Casting für einen Film oder ein Theaterstück, oder sie laden dich ein. Das ist das Wichtigste, da hat mir diverCITYLAB sehr geholfen, es ist wie ein Zuhause, ein Netz. Früher, wenn ich in einem Theaterstück war, hat keiner mit mir geredet. Keiner kannte mich. Jetzt, wenn ich auf eine Premiere gehe, sage ich nur diverCITYLAB oder Dschungel, oder Werk X / Garage X – auch bei den kleinen Bühnen reden 20 bis 30 Prozent mit mir und wissen schon, dass ich Schauspieler bin, fragen mich, wie es geht und ob es etwas Neues gibt. Das hat mir geholfen, mein Netzwerk aufzubauen. Dass mich die Leute kennen, dass ich eine Vita habe, wo ich sagen kann, ich habe da gespielt, das und das gemacht. Jetzt fällt es mir viel leichter, wenn ich irgendwohin gehe und mich präsentiere. Mundpropaganda ist auf jeden Fall das Wichtigste für Schauspieler*innen.

Sie haben gesagt, Sie kennen auch Leute im Kosovo. Wie ist die Situation dort? Hat sich dort etwas verändert – gerade auch im Schauspielberuf?

Um die Wahrheit zu sagen, damals waren das Problem die Clans. Die Schauspieler*innen und Regisseur*innen haben ein paar Leute gehabt, die haben die Aufträge immer so bekommen. Und die politische Regierung war immer korrupt. Aber jetzt habe ich Hoffnung: Seit zwanzig Jahren haben immer dieselben Leute regiert. Und vor zwei, drei Wochen hatten wir Wahlen und die sind jetzt raus. Wir haben eine linke Partei, die gewonnen hat, und ich hoffe, das wird jetzt verhindert. Wir hoffen alle, dass sich das ändert – denn es gibt wirklich ein gutes Potenzial. Kosovo ist ein ganz kleines Land, aber es ist sehr magisch, finde ich. Es waren viele Schauspieler*innen früher dort, die in Ex-Jugoslawien sehr berühmt sind, es gibt viele Popsänger*innen, die jetzt auf der ganzen Welt bekannt sind, wie Dua Lipa und andere. Es gibt viele Fußballspieler, die sehr berühmt sind. Und ich hoffe, dass es mit Kultur, Film und Theater auch so geht. Dass es anders gemacht wird, als früher oder bis jetzt. Wir haben viele Geschichten zu erzählen, wir haben viele Erlebnisse, die die anderen nie gehabt haben. Bosnien ist anders, die haben die Berlinale gewonnen, die haben glaube ich auch einen Oscar gewonnen, mit verschiedenen Filmen. Die waren autochthon in ihren Ideen, was sie gemacht haben und sie haben das repräsentiert in der Welt. Und das haben wir nicht gemacht, diesen Schritt haben wir im Kosovo versäumt. Ich hoffe, dass die kosovarische Regierung sich nicht mehr so auf Asphalt, sondern mehr auf die Kultur konzentrieren wird. Wir sind 1,8 Millionen Menschen, wir haben viel zu erzählen. Und ich hoffe, dass das besser wird – deswegen bin ich von dort weggegangen. Die politische Lage, die wirtschaftliche und kulturelle Lage war so schlecht. Aber ich habe Hoffnung, dass es jetzt anders wird. 

Und diese Geschichten – würden Sie die auch gerne hier erzählen wollen? Also auch Ihre eigene, über das, was Sie jetzt hier tun?

Meine eigene Geschichte verwende ich immer, wenn ich eine Rolle habe – dann nehme ich immer etwas davon. Das Problem ist: Schreiben kann ich nicht. Vielleicht kann ich eigentlich schreiben, aber habe es verpasst – ich habe jedenfalls viele Geschichten im Kopf. Ich versuche immer durch meinen Körper im Theater zu erzählen, durch meine Gedanken und Emotionen. Ich habe viel zu erzählen. Aber das ist manchmal auch schmerzhaft. Manchmal will ich weg von den Gedanken, die ich von meiner Kindheit habe. Aber irgendwann vielleicht. Dann muss ich mich richtig darauf konzentrieren, zu schreiben. 

Ja, ich glaube schon, dass diese Geschichten nicht nur über das Schreiben, sondern auch über das Hiersein erzählt werden. Das Hiersein und so schauspielerisch zu arbeiten, wie Sie das jetzt schon tun. 

Ja, sicher. Schauspiel ist ein Beruf, wo nicht nur Hirn, sondern auch Herz und Seele, alles dabei ist. Ich finde es manchmal schwierig, aber auch lustvoll.

Gibt es noch einen Kommentar oder Gedanken, den Sie für wichtig halten?

Ich kann sagen, was ich mir wünsche. Ich wünsche mir, dass ich eine Chance habe. Zumindest im Film. Bisher hatte ich im Film noch nicht wirklich eine Chance. Aber das sagt vielleicht jede*r Schauspieler*in. Ich wünsche mir, dass ich irgendwann richtig arbeiten kann. 

Danke für das Gespräch!

Danke euch. Wir sehen uns wieder bei der nächsten Produktion zwischen diverCITYLAB und Nestroyhof/Hamakom Theater im Februar.

„Und da gang i ans Peters Brünnele“

Wenn ich im letzten Blog über meine Erfahrungen als Schüler berichtet habe, möchte ich diesmal die Seiten wechseln und mich zurückerinnern an meine ersten Jahre als Lehrer. Da trifft es sich, dass die Schülerinnen, die ich als junger Mann Klassenvorstand begleiten durfte, gerade zur ihrem 40-jährigen Maturatreffen zusammengekommen sind.

Unmittelbar nach meiner Matura im Jahr 1970 schien uns als Abgänger einer Höheren Lehranstalt für chemische Industrie die ganze Welt offen zu stehen. Auf dem Arbeitsmarkt herrschten für Beschäftigungssuchende paradiesische Zustände: mehr als 250 Jobangebote für jeden von uns. Wir hatten also das Privileg, uns beim Eintritt in den Arbeitsmarkt Zeit zu lassen und in allem Möglichen auszuprobieren. Also begann ich bei Bayer Leverkusen im Labor, wechselte rasch in die Zuckerfabrik Hohenau, um dann laufend den Zuckergehalt zu analysieren. Danach war ich Assistent in meiner ehemaligen Schule. Dazwischen bereitete ich mich auf die Aufnahmeprüfung an der Musikuniversität vor und war Organist und Chorleiter in der Herz-Jesu-Sühne-Kirche. Und es gelang mir offenbar, alles irgendwie unter einen Hut zu bringen. Schon bald, nachdem ich als Student an der Musikakademie Fuß fassen konnte, las ich auf der Anschlagstafel der Hochschülerschaft einen Hinweis, dass an der Lehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe (!) in Wr. Neustadt ein Musikerzieher gesucht würde. Nicht mehr „nur“ lernen zu müssen, sondern im „richtigen“ Leben zu stehen (und dazu noch über ein regelmäßiges Einkommen zu verfügen) – was für eine schöne Gelegenheit.

Gemeinsames Singen als Teil eines umfassenden Konditionierungsprogramms

Und schon bald fand ich mich als einziger Musiklehrer unter mehr als 600 heranwachsenden jungen Frauen und sollte diese mit der Vielfalt von Musik vertraut machen. Meine Vorgängerin, so stellte ich bald heraus, hatte als gelernte Nählehrerin ein besonderes Verhältnis zur Hochkultur. Also hatte sie die Schülerinnen ein ganzes Jahr lang mit der „Entführung aus dem Serail“ zu traktieren. Damit schaffte sie es spielend, Musik zum langweiligsten Gegenstand überhaupt zu machen. Im Gegensatz zu ihr wollte ich alles anders machen und die Schülerinnen vor allem für das interessieren, was mir selbst musikalisch am Herzen lag. Die Grundlage jeglichen Musikunterrichts bildete damals die Liedersammlung „Komm, sing mit!“. „Und da gang i ans Peters Brünnele“ galt als bestmögliches, wenn auch etwas anzügliches Liedgut, um sich im gemeinsamen Singen zu erproben. Diesem traditionellen Repertoire aus den Alpenländern wollte ich zumindest fallweise Musikstücke hinzufügen, die den Schülerinnen vermeintlich näher waren: internationale Folklore (z.B. „Kalinka“ oder „hava nagila“), Negro-Spirituals, Beatles-Nummern, um bald einsehen zu müssen, dass uns dieses exotische Liedgut jedenfalls musikalisch nicht näher zusammenbringt.

Nur zu rasch sollte ich draufkommen, dass das damalige Ausbildungsziel der Schule nicht darin bestand, den jungen Frauen einen ihnen entsprechenden Weg in die Welt zu eröffnen, sondern sie für ein bestimmtes Frauenbild zu konditionieren. Dieses bestand in erster Linie in guter Haushaltsführung. Für die Mädchen, die aus dem Wr. Neustädter Umland zum Teil beträchtliche Wege zurückzulegen hatten, galt Kochen, Wäschewaschen, gutes Benehmen, darüber hinaus Pflege im benachbarten Spital als höchste Disziplin. Als Preis winkte die Verheiratung mit einem jungen Mann aus der im gleichen Gebäude untergebrachten Militärakademie. Erste Anbahnungen zwischen den Geschlechtern wurden während des gemeinsamen Balls in der Faschingssaison gestiftet.

Der Musiklehrer als „bunter Vogel“, der die Verhältnisse bestätigt

Angesichts dieser Schulprioritäten war meine Rolle als nicht weiter ernst zu nehmender „bunter Vogel“ bald festgelegt. Mit meinen langen Haaren im lässigen städtischen Outfit stellte ich so ziemlich das völlige Gegenteil von dem dar, was von einem guten, weil beispielgebenden Lehrer erwartet wurde. Und doch schien es in der Aufbruchsstimmung der 1970er Jahre dem Wr. Neustädter Establishment opportun, eine solche schräge Figur unter sich zu dulden. Immerhin konnte man sich mit mir in der Pause über das gestrige Konzert im Konzerthaus, einen neu herausgekommenen Roman oder über eine Kultursendung im Fernsehen unterhalten und bei der Gelegenheit der eigenen kulturellen Überlegenheit Ausdruck zu geben.

Wollte ich hier, so dachte ich, überleben, so musste ich die Gangart verschärfen. Also brachte ich eine Langspielplatte mit Werken mit Arnold Schönberg mit, auf dessen Cover sich ein Selbstportrait mit einem blauen Gesicht fand. Gemeinsam mit den Schülerinnen wollte ich herausfinden, warum sich der Komponist diese Gesichtsfarbe zugemutet hatte. Einmal mehr stieß ich auf eine Mauer des Schweigens. Ich schreckte auch nicht vor Ausschnitten von Walter Richard Langers legendärer Jazz-Sendung „Vokal, Instrumental, International“ zurück. Es war, als hätte ich mir Carla Bleys „Escalator over the Hill“ oder „Big Man – the Legend of John Henry“ von Canonball Adderley auf einem mit Kreide verschmierten Plattenspieler (der zusammen mit den Boxen in die jeweilige Klasse zu tragen war) ausschließlich mir vorgespielt. Über meine hilflosen Interpretationsversuche (inklusive der Inhaltsangabe der Geschichten, die ich selbst nicht verstand) geniere ich mich bis heute……

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Bild: © Michael Wimmer