Otto, bau keinen Mist

In diesen Tagen errichtete die Magistratabteilung 48 unmittelbar hinter dem Stephansdom eine hausgroße temporäre Toilettenanlage mit der Aufschrift: „Bau keinen Mist“. Sie ist dafür gedacht, den tausenden BesucherInnen der imperialen Begräbnisfeierlichkeiten für Otto Habsburgs Erleichterung zu verschaffen, wenn sie ihren nur allzu menschlichen Bedürfnissen nachgehen.

Der Tod jedes Menschen ist ein schwer aushaltbarer Skandal und Grund zur Trauer für die Angehörigen. Wenn aber am Requiem für den Sohn des letzten Kaisers von Österreichs der amtierende Bundespräsident, die Spitze der Bundesregierung, darüber hinaus eine Vielzahl sogenannter gekrönter Häupter teilnehmen, dann kann man sich des Eindrucks eines, über den individuellen Verlust hinausweisenden symbolischen Aktes mit gesamtstaatlicher Bedeutung nicht erwehren.

Die Kirche und die Habsburger – eine unheilige Allianz

Dem stimmt auch der auch sonst medial sehr umtriebige Dompfarrer von St. Stephan Toni Faber zu, wenn er meint, mit einer solchen Inszenierung entspräche man schlicht der Natur Österreichs, die ohne das viele Jahrhunderte währende Wirken des Hauses Habsburg nicht verstanden werden könnte. Immerhin weiß sich die katholische Kirche (samt ihrem Netzwerk der europäischen Hocharistokratie, das bis heute weit in die informellen Entscheidungsorte in Österreich heínweist) gegenüber den Habsburgern nicht erst seit der Gegenreformation in besondere Weise für den Kampf um die Aufrechterhaltung ihres gesellschaftspolitischen Suprematieanspruches verpflichtet (In diesem Punkt braucht sie den historischen Vergleich mit den islamischen Fundamentalisten von heute in keiner Weise zu scheuen). Dafür darf dann schon die Pummerin für den Nachfahren des vor einigen Jahren selig gesprochenen letzten Kaisers Karl schlagen, deren tiefe Töne ansonsten führenden Repräsentanten der Republik vorbehalten bleiben.

Auch für die Konservativen des Landes scheint dieses Begräbnis von zentraler Bedeutung. Nicht nur der Boulevard sondern auch die  Die Presse vom Samstag voriger Woche widmet dem Event gleich ihre ersten sechs Seiten und unterstreicht damit einmal mehr das anhaltende Fehlen von Berührungsängsten gegenüber einem Politiker, der mit dem Franco-Regime sympathisierte, sich als Nachfolger Kurt Schuschniggs zu Ende des Austrofaschismus empfahl, nach 1945 noch einmal versuchte, gegen die provisorische Bundesregierung Karl Renners die Macht an sich zu reißen und bis zu seinem Tod die Opferthese Österreichs im Kampf gegen Hitler-Deutschland vertrat.

Aber auch die Sozialdemokraten scheinen nach anhaltendem Widerstand bis in die 1970er Jahre ihre Vorbehalte gegen das Haus Habsburg aufgegeben zu haben. Wohl deshalb, weil sie die Zustimmung der Bevölkerung auf Wiedererringung politischer Funktionen in Österreich durch Otto Habsburg als vernachlässigenswert einzuschätzen gelernt haben. Also haben sie kein Problem damit, in prominenter Besetzung das medial vermarktbare symbolische Kapital eines Medienereignisses (der ORF überträgt sechs Stunden lang) zu nutzten, das ihnen wohlwollende öffentliche Präsenz verspricht.

Europa – will da jemand zurück in den „Völkerkerker“?

Auf Grund der mittlerweile aufgehobenen Habsburg-Gesetze war der letzte Kaisersohn gezwungen, sein politisches Glück als CSU-Mitglied von Bayern aus zu versuchen. Als solcher ließ er sich gerne als wegweisender Europapolitiker feiern, der – aus quasi familieninterner Kenntnis – hinreichende Herrschaftserfahrungen im Vielvölkerstaat einbringen konnte. In einer nostalgischen Verklärung feudalistisch organisierten Abhängigkeiten vieler Völker unter einem Familiengeschlecht mit Gott gegebenen Herrschaftsansprüchen fiel es seinen Anhängern nicht schwer darüber hinwegzusehen, dass der habsburgisch regierte „Vielvölkerstaat im Herzen Europas“ nicht grundlos an sein gewaltsames Ende gekommen ist und sein verhängnisvolles idelologisches Erbe den Aufbau demokratischer Verhältnisse vor allem im Nachfolgestaat Österreich nach 1918 nachhaltig erschwert hat.

Das eigentlich Alarmierende an der Affirmation des habsburgischen Europagedankens aber liegt in seiner Rückwärtsgewandtheit, der gescheiterte politische Konzepte von gestern als Gelingensbedingung für ein besseres Morgen verspricht. Und so stehen wir vor dem widersprüchlichen Befund, dass diejenigen, die jetzt Otto Habsburg als wegweisenden Europapolitiker nachtrauern, kein Problem damit haben, selbst tatkräftig mitzuhelfen, die aktuellen Integrationsbemühungen zu desavouieren, um weiter ihr nationalistisches Süppchen zu kochen.

Wenn jetzt in den Medien davon die Rede ist, dass mit dem Tod Otto Habsburgs „eine Ära endgültig an ihr Ende gekommen sei“, dann stimmt das nur bedingt. Ja, es spricht wenig dafür, dass ein Habsburger noch einmal die Herrschaft in Österreich antreten wird (davon war aber schon mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auszugehen: Der Stimmenanteil von 1,5% des Sohnes von Otto Habsburg als Spitzenkandidat der Christlich-Sozialen Allianz für das Europäische Parlament 1999 spricht eine deutliche Sprache).
Umso nachhaltiger aber zeigt die Grandiosität der Inszenierung dieses Staatsbegräbnisses die anhaltende symbolisch-kulturelle Bedeutung des vormaligen Kaiserhauses. Was den ZuseherInnen da vorige Woche geboten wurde, zeugt in erster Linie vom nach wie vor dominierenden kulturellen Selbstverständnis des Landes. Noch einmal wurde das Haus Habsburg anhand seines letzten Kronprinzen als die Instanz vorgeführt, die die wesentlichen Grundlagen für die kulturelle Infrastruktur des Landes gelegt hat.

In England und Monaco wird geheiratet, in Österreich wird gestorben.

Und in der Tat: So wird Österreich bis heute international wahrgenommen: Als Land der barocken Prachtentfaltung und der imperialen Kunst- und Kulturbauten aus dem Geist einer vordemokratischen Ära. Das sind die Attribute, um die uns das Ausland beneidet. Und so spricht vieles für die Annahme des US-amerikanischen Historikers John W- Boyers, das Begräbnis könnte sich als „ein Geschenk Gottes an die Tourismusindustrie“ erweisen, freilich um den Preis der Aufrechterhaltung eines klischierten Österreichbildes, das zumindest einige VertreterInnen der österreichischen Kulturpolitik bislang vergeblich versucht haben, auf nachhaltige Weise zu unterlaufen (Dabei entspricht es einem weiteren Klischee, dass sich England und Monaco jüngst mit aristokratischen Hochzeiten mit dem zugehörigen Versprechen auf eine bessere Zukunft aufwendig medial zu präsentieren vermochten, während österreichischen Tourismusmanagern einmal mehr die Aufgabe zufällt, eine prächtige Rückschau, diesmal in Form eines Begräbnisses tourismuswirksam zu vermarkten).

Angesichts der anhaltenden Kraft des habsburgischen Kulturmythos scheint es nur konsequent, dass hinter dieser habsburgisch-geprägten Fassade kulturelle Repräsentationsformen, die den demokratischen Errungenschaften eines republikanischen Staatswesen Ausdruck geben, bestenfalls auf Nebenschauplätzen verhandelt werden.

Und wo bleiben die kraftvollen Symbole einer demokratischen Kultur?

Und so lässt sich der republikanische Geist der Demokratie Österreich, jedenfalls in seinen symbolisch-kulturellen Ausformungen nur sehr schwer auf seinen Wahrheitsgehalt prüfen, wenn der Bundespräsident der Republik Österreich bis heute den Amtseid der Bundesregierung und anderen führender Funktionsträgen in den ehemaligen Schlafräumen der Kaiserin Maria Theresia abnimmt. Und es fällt uns nicht einmal mehr auf, dass die wesentlichen bildungspolitischen Entscheidungen nach wie vor im „Audienzsaal“ des Palais Starhemberg (einer der Familienmitglieder Ernst Rüdiger Starhemberg beteiligte sich als führender Heimwehrführer der Zwischenkriegszeit am Kampf gegen die Demokratie) diskutiert werden, in dem das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur seinen Sitz hat.

Zugegeben, die Familie Habsburg hat sich zuletzt nicht der Zuschreibung der Urheberschaft des großen kulturellen Erbes Österreichs begnügt. So ist die Ehefrau Karl Habsburgs Francesca, geborene Thyssen-Bornemisza mittlerweile auch ins Geschäft mit zeitgenössischer Kunst eingestiegen und bringt mit Aktionen wie gegenwärtig „The Morning Line“ auf dem Wiener Schwarzenbergplatz die örtlichen KulturpolitikerInnen gehörig unter Zugzwang.

Und so ist zu vermuten, dass die Wirkungen dieses Staatsaktes zu aller erst kulturpolitisch zu interpretieren sind; als ein weiterer Versuch der weiteren Verfestigung eines kulturell-konservativen Hegemonieanspruches, dem es gelingt, eines auf den demokratischen Errungenschaften basierende Kulturpolitik in die Schranken zu weisen.

Kunst- und Kulturberichte 2010 – Die Prioritäten sind klar.

Von all diesen kulturkämpferischen Auseinandersetzungen findet sich freilich nichts in den aktuell veröffentlichten Kunst- und Kulturberichten des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur für das Jahr 2010. In mittlerweile bewährter gesellschaftspolitischer Bescheidenheit beschränken sich die Informationen auf die Behauptung kontinuierlicher Entwicklungen im Kunst- und Kulturbereich und machen gerade dadurch deutlich, dass sich ein Gutteil der kulturpolitischen Bemühungen auf die Verwaltung des (in der Habsburg Monarchie geschaffenen) kulturellen Erbes konzentriert. In Zahlen ausgedrückt, macht der Anteil für diese Einrichtungen rund 330 Mio aus, während die aktuelle Kunstproduktion mit rund einem Viertel der Mittel (87 Mio) auszukommen hatte.

Im Begleittext zur Veröffentlichung der beiden Berichte betont das bmukk in der ihr eigen gewordenen Marketingsprache nochmals den Willen zur „Stärkung der Teilhabe der Bevölkerung an den Kultur-Angeboten“. Es handelt sich dabei um die Prolongierung einer zentralen kulturpolitischen Forderung aus den 1970er Jahren „Kultur für alle“, in der Annahme, sukzessive alle Menschen mit dem öffentlich geförderten Kunst- und Kulturangebot vertraut machen zu können.

Dass dieser – trotz Einführung einer Reihe einschlägiger kulturpolitischer Maßnahmen –  bislang kein nachhaltiger Erfolg beschieden war, ist nicht Gegenstand von Überlegungen. Die kulturpolitische Bedeutung des Begräbnisses von Otto Habsburg könnte immerhin die Frage aufwerfen, ob die Teilnahme an jeder kulturellen Aktivität – zumindest politisch – in gleicher Weise wünschenswert und daher aus der Sicht des Staates förderungswürdig erscheint.

Wenn der Staat damit deutlich macht, dass er inhaltlich dabei ist abzudanken so legen die Daten darüber hinaus nahe, dass sich staatliche Kulturpolitik zuletzt auf ein bestimmtes Set an kulturellen Ausdrucksmitteln festgelegt hat, von denen anzunehmen ist, dass diese immer weniger die kulturellen Dispositionen weiter Teile der Bevölkerung berühren. Das wird vor allem dort deutlich, wo beide Berichte weder die zunehmende Bedeutung der demographischen Veränderungen ansprechen noch die anhaltende digitale Revolution, die dabei ist, die bislang herrschenden kulturellen Produktions- ebenso wie die Rezeptionweisen von Grund auf zu verändern.  
Viel Geld für das Habsburg-Begräbnis, wenig für die Freie Szene
Der Staat hat sich bereit erklärt, beträchtliche Mittel für die Feierlichkeiten rund um das Begräbnis von Otto Habsburg zur Verfügung zu stellen. Trotz seiner beträchtlichen Bedeutung für die kulturelle Selbstdarstellung des Landes werden diese aller Voraussicht im Kulturbericht 2011 nicht ausgewiesen werden, sodass über ihre Höhe nur vage Vermutungen angestellt werden können.

In jedem Fall ist anzunehmen, dass sie ein Vielfaches von dem ausmachen, was die IG Kultur mit ihrer aktuellen Kampagne „Fair Pay“ für die Honorierung der Aktivitäten im Bereich der freien Kulturarbeit fordert, die in den letzten Jahren an einem unübersehbaren Desinteresse staatlicher Kulturpolitik leidet. Über die Gründe des aktuellen Bedeutungsverlustes für eine Kulturpolitik, die sich verbal demokratischer Errungenschaften, Verbesserung der Zugangschancen, Partizipation und Mitwirkung verpflichtet hat, kann man nur spekulieren.

Diese Form der Negierung ist umso bedauerlicher, als die vielfältigen Initiativen der Freien Szene Zeugnis für ein, auf demokratischen Grundlagen beruhendes kulturelles Leben abgeben. Aber vielleicht  liegt es daran, dass sich ihre Intentionen weniger auf die Beschwörung einer besseren Vergangenheit als auf die schwierige Ausverhandlung einer besseren Zukunft richten. Als solche stellten sie einen wichtigen Beitrag für die Überwindung des Bildes einer überkommenen Kulturlandes von Habsburgs Gnaden dar.

Otto Habsburg möge in der Kapuzinergruft in Frieden ruhen. Uns von all dem Mist zu erleichtern, den seine Familie in Jahrhunderten wider ein republikanisches Selbstverständis österreichischer Kulturpolitik angerichtet hat, wird es méhr als das Aufstellen einer Anlage der MA 48 bedürfen. Aber eine gemeinsame Anstrengung könnte uns nachhaltige Erleichterung bereiten.

Erschienen: Michael Wimmer „Kultur und Demokratie – Systematische Darstellung der österreichischen Kulturpolitik“

Und jetzt noch ein Hinweis in eigener Sache. Allen, die sich mit Fragen der österreichischen Kulturpolitik intensiver auseinandersetzen möchten, sei mitgeteilt, dass in diesen Tagen der Band Michael Wimmer „Kultur und Demokratie – Eine systematische Darstellung der österreichischen Kulturpolitik“ im Innsbrucker Studienverlag herausgekommen. Ich habe dort u. a. versucht, die spezifischen Entstehensbedingungen österreichischer Kulturpolitik, wofür das Habsburg-Begräbnis noch einmal symbolisch-beredt Ausdruck gibt, nachzuzeichnen.

Ein klares Bekenntnis zur EU tut Not

Vermischte Bemerkungen über den Verlust des Mittelstands, über die Beziehung zwischen SchülerInnen und LehrerInnen als Lackmus-Test demokratischer Errungenschaften und über die Sorge, wir könnten uns gegenüber den Konsequenzen, die eine weitere Enteuropäisierung angesichts des angelaufenen globalen Finanzkriegs mit sich bringt, als blind erweisen.
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Bereits zum dritten Mal findet in diesen Tagen die Sommerakademie der Pädagogischen Hochschule Kärnten statt. Sie bietet LehrerInnen aller Fächer die Gelegenheit, eine Woche lang mit KünstlerInnen zusammen zu arbeiten und dabei die eigenen ästhetischen Gestaltungsfähigkeiten zu erproben.

Ich war eingeladen, den Eröffnungsvortrag zum Motto „Jeder Lehrer ist ein Künstler. Jede Lehrerin ist eine Künstlerin“ zu halten. Bereits in meinem ersten Satz beging ich einen Versprecher, als ich den Titel in „Jeder Lehrer ist ein Schüler“ veränderte und damit für Heiterkeit sorgte. Ob die Belustigung daran lag, dass sich die anwesenden LehrerInnen eher in die Rolle von SchülerInnen als von KünstlerInnen hinzuversetzen vermögen, trau ich mir nicht zu sagen; wohl aber, dass damit unbeabsichtigt das eigentliche Programm der Veranstalter angesprochen wurde, nämlich die permanente Fähigkeit, sich auch und gerade als Lehrende selbst lernend weiter zu entwickeln und damit für die SchülerInnen ein glaubwürdiges Role Model abzugeben.

A propos lernen: Ich will an dieser Stelle nicht die Details des Vortrags wiederholen (diesen finden Sie ab nächster Woche auf der EDUCULT-Website). Ich will statt dessen davon berichten, dass ich im Lauf des Vortrages selbst auf zumindest zwei Dinge draufgekommen bin, die mich seither nicht mehr loslassen und die ich gerne mit Ihnen teilen würde.

Da ist zum einen die Geschichte des traditionellen Kulturbetriebs (Oper, Konzert, Theater, Museum,…), der für mich stark mit dem Repräsentationsbedürfnis eines aufkommenden Mittelstandes verbunden ist. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert haben wir es mit einem, in der Regel akademisch gebildeten Bürgertum zu tun, dass sich im elaborierten Angebot des Kunstbetriebs wieder erkennen wollte und daraus seine sozialen Distinktionsgewinne zog. Dieses gebildete Bürgertum fungierte die längste Zeit als Trägerin des Kulturbetriebs, aus dem es vielfältiges symbolisches Kapital zu ziehen vermochte.

Dass das bis heute so ist, beweisen jüngste Studienergebnisse von EDUCULT, die anhand vorliegender PISA-Daten noch einmal deutlich machen, dass junge Menschen aus Akademiker-Haushalten zu den vorrangigen NutzerInnen des traditionellen Kulturbetriebs zählen.

Die Sozialdemokratie der 1970er Jahre konnte mit ihrem Schlachtruf „Kultur für alle“ dort noch glaubwürdig sein, wo sie auf der Grundlage vielfältiger Reformen in der Bildungs-, Jugend- oder Familienpolitik eine umfassende Vermittelständigung versprach, die sich aus der umfassenden Verbesserung der materiellen und immateriellen Lebensbedingungen breiter Teile der Bevölkerung ergeben sollte. Dieser neue, verbreiterte Mittelstand (damit nicht schon „alle“ aber zumindest wesentlich „mehr“ BürgerInnen) sollten die Bildungsvoraussetzungen mitbringen, das Angebot des Kulturbetriebs Wert zu schätzen und weiter zu tragen.

Der neoliberale Turn ab den 1980er Jahren sollten den erhofften Trend zur Vermittelständigung in eine neue Richtung lenken: Angesichts der wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten verwandelte sich der neue Mittelstand rasch in ein räsonierendes Kleinbürgertum, das sich zunehmend verzweifelt bemüht, zu retten was zu retten ist. Statt als souveräner Träger des Kulturbetriebs zu wirken sehen sich immer mehr Menschen in der Angst, erreichte Lebensstandards nicht länger halten zu können, um sich statt dessen auf eine zunehmend unsichere Zukunft einzurichten.

Der fundamentale Widerspruch, der da für mich entsteht, liegt im Umstand, dass sich Kulturpolitik mit ihren aktuellen Kunst- und Kulturvermittlungsbemühungen mehr denn je auf den Slogan „Kultur für alle“ bezieht, ohne freilich mit zu berücksichtigen, dass sich seither die soziologischen Eckdaten fundamental verändert haben. Und so erleben wir heute die Fortsetzung eines traditionellen Programmangebotes des Kulturbetriebs an einen Mittelstand, den es allein auf Grund der geänderten Bildungsvoraussetzungen immer weniger gibt. Statt aber das Programm zu verändern, überbieten sich die Einrichtungen in Vermittlungsbemühungen an ausgerechnet dienjenigen, die deren Wert auf Grund ihrer mangelnden Bildungsvoraussetzungen gar nicht verstehen können.

Da hilft auch nichts, dass sich in der letzten Ausgabe der Wochenzeitschrift Die Zeit Jens Jenssen unter dem Titel: „Hoch die Hochkultur!“ sich noch einmal mit einem flammenden Plädoyer für die Hochkultur ins Zeug legt. Zu vermuten ist auch in diesem Fall, dass die Anzahl der LeserInnen aus bildungsfernen Schichten als eher gering zu veranschlagen ist.

Die Antwort einer pluralistischen Gesellschaft wird wohl a la longue radikaler ausfallen müssen als Selbstbestätigung durch Vermittlung. Sie heißt schlicht: Weiterentwicklung des Programmangebotes entlang der geänderten Bildungs- und Rezeptionsvoraussetzungen. Dass das mehr bedeuten könnte, als sich an den Vorgaben einer kommerziellen Kulturindustrie zu orientieren, scheint mit die eigentliche kultur- und bildungspolitische Herausforderung.

Die zweite Vermutung, die mir während meines Vortrages gekommen ist, betrifft die Beziehung zwischen SchülerInnen und LehrerInnen. Nicht nur der große US-amerikanische „Art Educator“ Eliot Eisner betonte in seinen Schriften immer wieder die Bedeutung von Beziehungen im Zusammenhang mit der Organisation von Lernprozessen. Auch da gibt es für mich eine Analogie aus der Geschichte, wo es zu den ursprünglichen Kernkompetenzen des Lehrers gehört hat, die SchülerInnen zu folgsamen und unbedingt obrigkeitsgläubigen Bürgern zu erziehen. Damit diese Lernziele erreicht wurden, musste eine extrem ungleiche Beziehung aufgebaut werden, die die Rollen zwischen Befehls- und Wissensgeber und Befehls- und Wissensnehmer klar verteilte.

Diese streng hierarchisierten Beziehungen haben sich in der Zwischenzeit gelockert, freilich ohne ganz verschwunden zu sein. Nach wie vor entscheidet der/die LehrerIn weitgehend einseitig über die Fähigkeiten und Fertigkeiten und damit über die Lebenschancen der ihm/ihr Anempfohlenen.

Wieder stellt sich die Frage nach einer adäquaten LehrerInnen-SchülerInnen-Beziehung in einer pluralistischen Gesellschaft. Vieles spricht dafür, dass Gehorchen nicht mehr das zentrale Beziehungsscharnier für ein gedeihliches Zusammenleben auf Augenhöhe angesehen werden kann. Statt dessen wird ganz offensichtlich die Kompetenz, eigene, wenn auch begründete Entscheidungen treffen zu können, immer wichtiger. Das Erlernen dieser Fähigkeit (das man übrigens anhand der spielerischen Beschäftigung mit Kunst zur Ausbildung eines artikulierten Geschmacksurteils wunderbar erproben kann) hängt eminent mit der Fähigkeit des/der LehrerIn ab, sich zurückzunehmen und statt vordergründigem Aktionismus auf das allmähliche Entwickeln eines wechselseitigen Vertrauensverhältnisses zu setzen.

Wieder sind es jüngste EDUCULT-Studien, die mich in diesem Befund bestärken, wenn SchülerInnen in Deutschland unisono zurückmelden, dass ihre Bereitschaft, sich an Lernprozessen zu beteiligen, signifikant steigt, wenn sie selbst in Entscheidungen eingebunden werden; wenn sie Verantwortung übernehmen können und wenn man ihnen bestimmte Aufgabe nicht nur formal überträgt sondern auch faktisch zutraut.

Da ist mir die Vermutung gekommen, ob man an der Beziehung zwischen LehrerInnen und SchülerInnen in der Schule unmittelbar etwas über den Zustand unserer Demokratie ablesen kann; mehr, ob nicht diese Beziehung über die Qualität der demokratischen Verhältnisse entscheidet.

Und jetzt noch etwas ganz anderes: Heute morgen strapazierte die österreichische Finanzministerin Maria Fekter angesichts galoppierender Finanzmärkte den Vergleich mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: Damals grassierende Entsolidarisierungstendenzen
hätten wesentlich dazu beigetragen, den Kontinent in den Krieg zu führen. Deutlicher kann man es wohl nicht mehr sagen, um den europäischer Nationen zu verdeutlichen.

Kaum haben wir uns an die Gerade-Noch-Rettung Griechenlands durch eine widerstrebende EU zur Kenntnis genommen, droht die Zahlungsunfähigkeit weiterer EU-Länder wie Portugal, Spanien und jetzt auch Italien. Parallel dazu hören wir vom politischen Patt in den USA, die die Weltmacht bereits im August zahlungsunfähig machen könnte.

Und so vertieft sich der Eindruck, dass da über den Köpfen weiter Teile der nationalen Bevölkerungen hinweg ein transatlantischer Finanz- und Wirtschaftskrieg, vorrangig zwischen den USA und Europa ausgefochten wird, der zwar noch nicht unmittelbar Menschenleben fordert, aber sich dennoch in bewusster Zerstörungsabsicht gegenüber materiellen und auch immateriellen Werten als für immer mehr Menschen lebensbedrohlich erweist.

Man mag es drehen oder wenden wie man will aber die konkreten Lebensverhältnisse vor allem für junge Menschen verschlechtern sich in diesen Tagen auf nachhaltige Weise und erzeugen damit ein gefährliches Potential, das den erreichten sozialen Zusammenhalt der europäischen Gesellschaften nachhaltig bedroht. Hier geht es nicht mehr um die Zuwanderung einiger weniger, die sich schwer mit der Integration tun; hier geht es um das Auseinanderdriften der nationalen Gesellschaften in einige wenige Krisengewinner und in die vielen Krisenverlierer.

Spätestens hier sollten wir aufhören, den Sirenenklängen der europäischen Rechten zu misstrauen: In diesem transnationalen Konflikt um die Hegemonie über die globale Finanz(un)ordnung haben nationale Regierungen mit ihren Souveränitätsansprüchen längst keine Chance mehr. Wenn als eines der Assets der Europäischen Union immer wieder hervorgehoben hat, dass sie dem Kontinent 60 Jahre Frieden beschert hat, dann beweist allein die Aussage der konservativen Maria Fekter, dass es bei dieser Qualität nicht um eine nostalgische Reminiszenz handelt sondern um eine existentielle Herausforderung, die die Union auf Gedeih und Verderb miteinander verbindet.

Wenn, wenn nicht jetzt sind gemeinsame europäische Antworten gefragt, die als einzige in der Lage sind, den globalen Finanzakteuren noch einmal, wenn auch sehr spät, noch einmal Paroli zu bieten.

Die Renationalisierungsstrategien der Rechten a la Strache und Le Pen („Griechenland raus aus der EU“ oder „Die EU ist tot“) nehmen – Zuwanderung hin oder her – wissentlich die Verelendung weiter Teile der nationalen Gesellschaften in Kauf. Und es ist genau diese Verelendung, die sie zu brauchen meinen, um ihren Herrschaftsanspruch umsetzen zu können. Das wäre dann der Zeitpunkt, wo der heute noch kalte Wirtschafts- und Finanzkrieg der alten Wirtschaftsmächte noch einmal in einen heißen umzuschlagen droht, in dem wirtschaftliche und politische Interessen gewaltsam ausgetragen werden.

Und dieser Bedrohung sollten wir mit einem klaren EU-Bekenntnis – gerade und ganz besonders jetzt  – begegnen. Zum Unterschied von Fektor will ich mir dieAlternative gar nicht vorstellen.

Die Kulturpolitik und die U-Bahn-NutzerInnen

Vergangenen Freitag war es wieder einmal so weit. Mitglieder der deutschen und der österreichischen Gesellschaft für Kulturpolitik fanden sich zu einer gemeinsamen Podiumsdiskussion mit dem Titel „Initiativen im Spannungsfeld zwischen Partizipation und Marketing“ zusammen. Und fast wie selbstverständlich verfielen die ReferentInnen rasch in ein nur allzu vertrautes Vokabular zum ewigen Lob einer „Kultur für alle“, „Kultur als Gesellschaftspolitik“ „Künstler als Avantgarde der Gesellschaft“, „mehr Förderung der öffentlichen Hand“, „Mittelumverteilung“ oder „breiter Zugang für alle“. Und so tauchte sie nochmals auf, die gute alte Zeit, in der PolitikerInnen Anspruch auf kulturellen Fortschritt erheben und Kulturinitiativen das Gefühl haben konnten, mit ihren Forderungen von der Politik wahr- und ernst genommen zu werden.

Und doch mussten selbst diese, überwiegend in die Jahre gekommenen LobbyistInnen für die kulturelle Sache im Lauf des Gespräches zugeben, zumindest in Teilen ihrer Hoffnungsproduktion gescheitert zu sein. Zu deutlich sind die Evidenzen, dass  der Zuspruch gegenüber den öffentlich geförderten Kunst- und Kultureinrichtungen in den letzten Jahren nicht nachhaltig zugenommen hat („Die immer selben nutzen Kulturangebote immer öfter“). Nach wie vor ist die Nutzung ihrer Angebote stark vom erreichten Bildungsgrad (bzw. von der sozialen Zugehörigkeit) abhängig ist und auch das Verhältnis zwischen der Politik und den freien und autonomen Szenen hat schon bessere Zeiten erlebt.

Gegen diesen Kontinuitäten kultureller Ungleichheit steht die beeindruckende Zunahme eines kommerziellen Kulturangebots, das zu einer nachhaltigen Veränderung der Nutzungsgewohnheiten nicht nur einer kleinen, überkommenen Elite sondern breiter Bevölkerungsschichten geführt hat. Besonders auffällig ist das gerade in den zur Zeit innovativsten und damit kulturell höchst relevanten Sektoren, wo sich die Politik dazu entschlossen hat, erst gar keine öffentlichen Einrichtungen im Bereich der digitalen Medien zu errichten, zu betreiben oder zumindest zu fördern sondern diese von Anfang an ausschließlich der herrschenden Marktlogik zu überlassen (wodurch sie möglicher Weise einen entscheidenden Fehler wiederholt,  der zu einem weitgehenden kulturpolitischen Missachtung der überragenden Bedeutung des Films als kulturellem Leitmedium des 20. Jahrhunderts geführt hat).

In Bezug auf die Einschätzung von „Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik“ blieb in der Diskussion weitgehend ausgeklammert, dass sich dieser Anspruch vor allem einer spezifischen historischen Situation verdankt. Diese zeigt sich zumindest aus heutiger Sicht als „Überschuss“ einer auf umfassende Wohlfahrsstaatlichkeit setzenden Politikgestaltung, im Rahmen derer führende KulturpolitikerInnen meinten, nicht nur Sozialleistungen sondern auch Kulturleistungen ließen sich neue verteilen (nicht so wie bisher von unten nach oben sondern auch umgekehrt). Dies wurde als ein politisch gewollter Beitrag zur sozialen Integration gesehen, der es – ganz im Sinn von „Kultur für alle“ – a la longue allen BürgerInnen ermöglichen sollte, in gleicher (oder zumindest gleichberechtigter) Weise ebenso am sozialen wie am kulturellen Leben teilzunehmen.

Diesem Zukunftsoptimismus sollten Milton Friedmann und seine neoliberalen Apologeten ein (zumindest vorläufiges) Ende machen. Sie setzten auf die nachhaltige Schwächung des politischen Integrationswillens und damit auf sukzessiven Abbau von Wohlfahrtsstaatlichkeit. Ab sofort dessen sollte das Konkurrenzprinzip für ungebremstes Wirtschaftswachstum sorgen. Und so durchdringt das Paradigma sozialer Desintegration seit den 1980er Jahren nicht nur die unmittelbar ökonomische sondern zunehmend alle übrigen gesellschaftlichen Sphären durchdringt und auf diese Weise die kulturellen Wertvorstellungen nachhaltig verändert.

Die kulturpolitischen Konsequenzen liegen auf der Hand, wenn sich die Akteure des Kulturbetriebs gezwungen sehen, sich aus schieren Überlebensgründen als Mitwirkende dieses Konkurrenzkampfes zu positionieren bzw. an ausschließlich ökonomisch fassbaren Erfolgskriterien messen zu lassen.

Der entscheidende Hebel zum Erfolg des Neoliberalismus aber liegt in der Sinnentleerung des Politischen, um auf diese Weise die Fähigkeit der Politik überzeugende Ideen für eine bessere Zukunft zu generieren, nachhaltig zu schwächen. Damit bleibt den PolitikerInnen bestenfalls die Aufgabe, hinter den immer undurchschaubareren Winkelzügen einer zunehmend transnational agierenden Ökonomie herzuhecheln und sich dabei mit all ihren Schwächen täglich medial neu vorführen zu lassen.

Auf diese Weise erleidet der Kulturbereich den Verlust eines politischen Gegenüber, das in der Lage wäre, sich als ein ebenbürtiger Partner bei der Gegenwartsinterpretation oder gar Perspektivenentwicklung zu empfehlen. Statt dessen beschränken sich amtierende PolitikerInnen auf ihre Fähigkeiten, auf der Erfolgswelle eines kulturellen Mainstreams mit zu schwimmen. Als TrittbrettfahrerInnen der neuen kulturellen Hegemonie versuchen sie erst gar nicht mehr, den vorherrschenden Marktkräften politisch gegenzusteuern.

Die Antwort des Kulturbetriebs auf diesen Verlust könnte nicht deutlicher sein: Auch ihre VertreterInnen haben es weitgehend aufgegeben, sich an einer, wie immer gearteten gesellschaftspolitisch relevanten „Zukunftsproduktion“ zu beteiligen. Ihre vorherrschende Blickrichtung weist „zurück“ und äußert sich in einer mittlerweile unüberblickbaren Vielfalt von Retro-Stilen, die historische Versatzstücke weitgehend beliebig zu bekömmlich-affirmativen Melangen verrühren.

Das ist vielleicht einer der Gründe, warum amtierende KulturpolitikerInnen bei Veranstaltungen wie die der Kulturpolitischen Gesellschaft erst gar nicht mehr auftauchen. Sie glauben nicht mehr an die nostalgische Wiederholung der Rhetorik der 1970er Jahre, Das ist nachvollziehbar. Sie sind aber auch nicht bereit, über eine neue Rhetorik, geschweige denn neue kulturpolitische Konzepte nachzudenken, die den kulturellen Wirkungen von heute oder gar von morgen angemessen wären.

Und so sind wir heute in einer schizophrenen Situation: Wir konstatieren einerseits, dass immer mehr kulturelle Einrichtungen in immer avancierteren Marketingstrategien im Standortwettbewerb zu überbieten trachten. Gleichzeitig sind sie gezwungen, neue Zielgruppen mit neuen Formen der Partizipation an sich zu binden. Das hat zu einer Hausse an Bildungs- und Vermittlungsangeboten geführt, die – ganz im Sinn der alten kulturpolitischen Rhetorik – auch als ein Beitrag zur sozialen Integration legitimiert werden. Und gleichzeitig erleben wir eine dramatisch wachsende gesellschaftliche Desintegration, die immer mehr Menschen an den Rand der Gesellschaft verweist und damit eben diese Bemühungen zur kulturellen Partizipation ad absurdum führt.

Oliver Scheytt von Ruhr2010 als eine der Redner der Veranstaltung sprach davon, das überkommene Konzept des Bildungsbürgers durch das des „Kulturbürgers“ zu ersetzen. Einem solchen neuen Typus kulturellen Engagements attestiert Scheytt einen souveränen Umgang mit dem Angebot sowohl des öffentlichen als auch des privaten Kulturangebots.

Den angesprochenen Widerspruch verdeutlichend sind ihm die jüngsten PISA-Daten zur Lesekompetenz entgegen zu halten, der zu folge mittlerweile rund 28% nach dem Pflichtschulabschluss nicht in der Lage sind, sinnstiftend zu lesen und zu schreiben (35% Burschen, 21% junge Frauen) und sich gar 35% der 15jährigen sich als mediale Illiteraten herausgestellt hätten. 

Als was sonst als eine kapitale kulturpolitische Niederlage muss ein solcher Befund interpretiert werden, der mittlerweile zwischen einem Viertel und einem Drittel der nachwachsenden Bevölkerung die grundlegenden kulturellen Kompetenzen verwehrt, um damit am gesellschaftlichen Leben angemessen teilzunehmen oder gar als „Kulturbürger“ diese Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

Das ist nicht die Schuld der Kultureinrichtungen und Kulturinitiativen, die sich  bemühen, auf neue Zielgruppen zuzugehen bzw. auf deren Bedürfnisse abgestellte Angebote zu entwickeln. Und doch erscheint es notwendig, zur  Einschätzung diesbezüglicher Wirkungen diese Bemühungen auf das zu beziehen, was gesellschaftspolitisch Sache ist, um so die engen kulturpolitischen Grenzen, in denen der Diskurs heute gefangen zu sein scheint, besser einschätzen zu können.

Oder vielleicht ist doch alles anders.

Für den Heimweg habe ich die U-Bahn benützt. Freitag ½ 11 Uhr abends. Naturgemäß waren vorwiegend junge Menschen unterwegs, viele von ihnen in Feierlaune auf dem Weg zu einer Party oder in ein Lokal. Fast alle hatten eine Büchse Bier in der Hand, viele waren „verstöpselt“ und zumindest einigen war anzusehen, dass sie schon ziemlich in der „Ölung“ und nur zu gern auf einen „Wickel“ aus waren.

Und ich bin dagesessen mit meinen Eindrücken dieser kulturpolitischen Veranstaltung, in der es angeblich um genau diese Jugendlichen und ihre kulturellen Vorstellungen, Gewohnheiten und Haltungen. Und nun waren sie unmittelbar mit mir auf engem Raum. Eine Situation, um bestenfalls ein Selbstgespräch zu beginnen, das mich u. a. fragen ließ: Was kann ich diesen Menschen von der Veranstaltung erzählen? Wie kann ich ihnen verständlich machen, um was es da gegangen ist? Was für Gründe könnte es geben, dass mir diese Jugendlichen überhaupt zu hören? Noch schwerer: Was könnte ich ihnen erzählen, damit sie antworten: klingt interessant, ja, ist eine Überlegung wert; sollte ich mich intensiver damit beschäftigen?

Ich muss zugeben, ich bin mit meinen Überlegungen nicht weit gekommen. Aber eines wurde mit unmittelbar einsichtig: In dieser Konstellation habe ich wenig Chance, meinen unbekannten Reisenachbarn Partizipation vorzuschlagen.

Und mir wurde klar: Wenn da einer Bedarf auf Partizipation hat, dann bin ich es. Und die einzige Chance, diesem Bedürfnis nachzugehen, ist, mich auf mein Gegenüber ein zulassen, zuerst einmal zuzuhören, verstehen zu lernen, wie sie „ticken“ und irgendwann einmal so etwas wie gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Die U-Bahn ist dafür wahrscheinlich nicht der optimale Platz. Aber dafür geeignete Räume aufzusuchen bzw. wenn nicht vorhanden zu gestalten, könnte eine lohnende kulturpolitische Aufgabe sein.

Denn, wenn ich mich begnüge, weiter meine kulturpolitischen Leerformeln von wegen „Kultur für alle“ vor mir herzutragen, könnte es leicht sein, dass mich meine Mitreisenden nicht mehr lange partizipieren lassen. Da könnten die, die schon jetzt in erster Linie auf einen „Wickel“ aus sind, rasch Rückenwind bekommen.

Und jetzt noch ein Hinweis: Vorige Woche ist mein Buch „Kultur und Demokratie – Systematische Darstellung der Kulturpolitik in Österreich“ im Innsbrucker Studienverlag herausgekommen. Darüber freue ich mich und lege es Ihnen zru Lektüre ans Herz.

Und weil ich meine Freude gerne mit Ihnen teilen möchte, ersuche ich Sie, mich in meinem Selbstgespräch nicht allein zu lassen wollen. Den ÜberbringerInnen der ersten Ratschläge, wie man mit meinen Mitreisenden ins kulturpolitische Gespräch kommen könnte, sende ich auf Wunsch gerne ein Gratisexemplar zu.

Über die wichtigste Verhandlungstaktik der österreichischen Bildungspolitik: „Ätsch. Das gilt es nicht!“

Haha, ist das ein lustiges, wenn auch pädagogisch wenig wertvolles Spiel: Da setzen sich zwei zusammen, machen uns etwas aus und verkünden stolz das Ergebnis. Und ein paar Tage später ruft einer der beiden: „Ätsch. Das gilt es nicht! – Und überhaupt, der Papa hat gesagt, wir müssen nochmals von vorne anfangen.“ Und der andere, der das Spiel schon viele Male gespielt und noch nie gewonnen hat, versucht, sich mit einem „Ist schon recht“ aus der Affäre zu ziehen.

Bei kleinen Kindern sind diese Spiele vielleicht ein notwendiges Durchgangsstadium beim Erwerb von sozialem Verhalten. Gutmeinende Eltern mögen sie vielleicht sogar ein Lächeln abgewinnen bevor sie sich dazu entschließen, mit den ihnen Anvertrauten ein ernstes Wort zu wechseln.

Nicht so im Bereich der Bildungspolitik. Dort hat man sich offenbar erfolgreich darauf verständigt, ein solches Verhalten zur selbstverständlichen Umgangsform zu erklären. Und so haben sich jüngst die beiden Koalitionäre in Person von Bildungsministerin Claudia Schmied seitens der SPÖ und des Bildungssprechers der ÖVP Werner Amon auf die Grundzüge einer AHS-Oberstufenreform geeinigt, die mit Bezug auf eine weitgehende Modularisierung der künftigen Lernstoffvermittlung auch ein Aufsteigen in die nächste Klasse auch mit mehreren Nichtgenügend vorsieht. Wenige Tage nachdem diese Einigung der Öffentlichkeit vorgestellt worden war, kam seitens der ÖVP einmal mehr ein Rückzieher (fast schon wie das Amen im bildungspolitischen Gebet). Der neu bestellte ÖVP-Obmann Michael Spindelegger gab persönlich die neue Losung „Kommando zurück an den Start“ aus, um auf diese Weise seine Interpretation von Verlässlichkeit unter Koalitionspartnern unter Beweis zu stellen.

Man mag spekulieren, was die führenden ÖVP-Politiker zu diesem Meinungsumschwung „ex post“ gebracht hat und vielleicht bei diversen Meinungsbefragungen fündig werden, die gerade noch rechtzeitig aufgezeigt haben, dass ein „automatisches Aufsteigen mit drei Fünfern“ unter ÖVP-SympathisantInnen auf nur wenig Zustimmung stößt.

Symptomatisch für den aktuellen Politikbetrieb ist in jedem Fall das Offensichtlichwerden der Umgangsweise der entscheidenden BildungpolitikerInnen untereinander. Es mag ja noch als ein taktischer Schachzug hingehen, zuerst ein umfassendes Agreement (inklusive der Neureglung der Aufstiegsklauseln) zu treffen, dann den Koalitionspartner auf eben diesen Aspekt festzunageln (siehe Beginn eines Berichts im Kurier: „Geht es nach Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) sollen Oberstufen-Schüler künftig mit bis zu drei Fünfern aufsteigen können“), um zuletzt als der große Retter der „Leistungsbereitschaft der jungen Menschen“ aufzutreten.

So richtig zum Fürchten wird es, wenn wir genauer auf die erzwungene Wandlungsfähigkeit des ÖVP-Bildungssprechers Werner Amon schauen: Wie viele Verrenkungen des unbedingten Loyalitätsbeweises innerhalb der eigenen Partei muss einer machen, der als zuständiger Spitzenverhandler eine Vereinbarung akkordiert, diese als Erfolg der Öffentlichkeit vorstellt, danach von seinem Parteiobmann und seiner Entourage, nein nicht relativiert sondern um ganze180 Grad umgedreht wird, um dann noch – ohne rot zu werden – sagen zu können: „Ich möchte wie Spindelegger die Begutachtung abwarten und dann entscheiden. Das ist auch das, was ich mit Schmied vereinbart habe und ich stehe dazu. Einseitig kann man nichts aufkündigen.“

Wenn da einer so agiert, könnte man fragen, ist das Ausdruck einer umfassenden Rückgratlosigkeit in der Bildungspolitik? Oder ist das der Nachweis für die notwendige Qualifikation, um im Bildungsbereich überhaupt noch etwas weiter bringen zu können. Oder aber ist Werner Amon schlicht ein armer, autoritätsfixierter Getriebener, dessen unprofilierter Parteiobmann auf Grund schlechter Umfragewerte über die Leichen seiner Parteifreunde geht? In jedem Fall eignet sich keiner der Beteiligten als „Role Model“ für die aktuelle Schulentwicklung, die zumindest programmatisch auf Kompetenzvermittlung wie Entscheidungs- und Durchsetzungsfähigkeit, Haltung und selbständiges Handeln setzt. Statt dessen: „Politics at Its Worst“.

Es gibt noch eine weitere, über einzelne personale Verwerfungen hinausgehende Dimension des aktuellen bildungspolitischen Verhandlungsdesasters. Immerhin beruft sich die Konservativen ja immer gerne auf den Slogan „Leistung muss sich lohnen“, offensichtlich besonders dann, wenn er dafür herhalten muß, die eigene Unverlässlichkeit zu legitimieren. Immerhin lassen sich dafür noch immer Mitstreiter mobilisieren wie zuletzt Günter Schmied, Ex-Leiter der Sir-Karl-Popper-Schule. Er stellte sich vorige Woche im Kurier einem Streitgespräch „Wie sinnvoll ist das Sitzenbleiben?“ mit der Schülerin Eleonora Kleibel. Auf ihren Vorschlag, das Sitzenbleiben ganz abzuschaffen, meinte er; „Das würde bedeuten, dass jeder unabhängig von seiner Leistung oder Anstrengung zur Matura kommt. Dann haben wir eine Unzahl von Schulabsolventen, die keine Qualifikation haben und arbeitslos sind – so wir etwa das PISA-Sieger-Land Finnland“.

Der Versuch, angesichts des gegenwärtigen Zustands des österreichischen Schulsystems die umfassenden Bildungsreformen, die Finnland in den letzten Jahren durchgeführt hat, schlecht zu reden, ist für sich bereits ein kühner Versuch eines prominenten Schönredners der bestehenden Verhältnisse.

Dazu eine Fußnote: Österreich ist zuletzt im internationalen PISA-Rankung einmal mehr beträchtlich zurückgefallen und rangiert mit seinen SchülerInnen-Leistungen irgendwo im unteren Drittel der Industriestaaten. Dies trifft vor allem auf die skandalöse Schwäche der Lesekompetenz zu. Mittlerweile können rund 28% der 14jährigen (offenbar alles „Leistungsfeinde“) nur unzureichend sinn erfassend lesen (ein Umstand, der inzwischen 35 Prozent der Burschen und 21 Prozent der Mädchen zur Lese-Risikogruppe macht, die Gefahr läuft, nicht vollständig am beruflichen und sozialen Leben teilnehmen zu können).

Das Ausspielen der österreichischen Reformverweigerung gegenüber Ländern wie Finnland, auf deren politischer Agenda Bildung ganz oben rangiert, erscheint mir vor allem dort besonders fragwürdig, wo der Erfolg des finnischen Modells darin liegt, den Leistungsgedanken weiter zu fassen und sich nicht immer nur auf die SchülerInnen als den – jedenfalls was den Aspekt der Leistungsbeurteilung anbetrifft – schwächsten Schulpartner abzuputzen.

Wenn allerorten wachsende Individualisierungstendenzen konstatiert werden, dann gehen diese einher mit einem ebenso wachsenden Bedarf der Förderung der je besonderen Fähigkeiten und Fertigkeiten der SchülerInnen. entsprechend kommen nicht nur in Finnland auch auf die LehrerInnen neue Leistungsanforderungen zu.

Die Fähigkeit, SchülerInnen mit „Nichtgenügend“ zu beurteilen, ist einfach. Die Wertvorstellungen der traditionellen Schule sah vor, SchülerInnen auf Grund bestimmter Teilleistungsschwächen auszusondern und so aus dem Verantwortungsbereich des urteilenden Lehrers/Lehrerin zu drängen. Darin haben LehrerInnen  (und wir mit ihnen) eine lang tradierte Übung. Wir billigen ihnen diese lebensentscheidende Zuständigkeit ohne viel Wenn und Aber zu.

Der Vorteil: Das Urteil über mangelnde Leistung ist völlig einseitig und bezieht sich ausschließlich auf die als Versager abgestempelten SchülerInnen. Sie können mit negativen Noten leicht sanktioniert werden, um als einseitig Leidtragende die Ideologie der erzwingbaren Leistungsbereitschaft aufrecht erhalten zu können.

Wer aber fragt nach der Leistungsfähigkeit der LehrerInnen, deren SchülerInnen mit Nichtgenügend beurteilt worden sind? Immerhin sind die LehrerInnen ja nicht nur dazu da, gute oder schlechte Noten zu verteilen. Sie sind auch und inbesondere dafür zuständig, nicht nur den Lernstoff sondern auch lebenswichtige Kompetenzen besser oder schlechter vermitteln; eine Tätigkeit, die in der Regel unbeurteilt (und damit außerhalb des herrschenden Leistungsdikurses) bleibt.

Wie aber ist es betellt mit der Qualität der Leistungen der LehrerInnen, die gefordert sind, allfällige Lerndefizite einzelner SchülerInnen nicht nur rechtzeitig zu erkennen sondern auch maßgeschneiderte Fördermaßnahmen so erfolgreich anzubieten, dass sich nichtgenügende Leistungen erst gar nicht einstellen? Und so redet niemand darüber, dass jedes vergebene Nichtgenügend immer auch ein Urteil über die Lehrerleistung darstellt (freilich mit der anderswo als unmöglich angesehenen Besonderheit, dass sich der Noten vegebende Lehrer/Lehrerin bei der Gelegenheit auch gleich selbst beurteilt).

Jeder Vergleich zwischen Schule und Unternehmen hinkt. Und doch macht es im Zusammenhang mit der Einschätzung negativer Leistungen einzelner SchülerInnen Sinn, auf die Beurteilung der „Performance“ unternehmerischer Arbeitsgruppen hinzuweisen. Dort gehen wir alle völlig selbstverständlich davon aus, dass dem/der jeweiligen Leiter/Leisterin der Arbeitsgruppe die Erst- und wohl aucgh Letztverantwortung für die Leistungsbereitschaft und auch für die Ergebnisse der Gruppe zukommen. Es ist seine/ihre Fähigkeit, Menschen unterschiedlicher Persönlichkeit, Stärken aber auch Schwächen zu führen, ihre jeweiligen Charakteristika zu erkennen, zu motivieren, ein förderliches Leistungsklima zu schaffen und ja, natürlich auch Leistungen einzufordern, die über den Erfolg entscheiden. Konsequenter weise wird bei entsprechendem Misserfolg auch nicht der eine oder andere Mitarbeiter sondern die Leitung ausgewechselt.

Ganz anders in der österreichischen Schule. Da wird der Leistungsgedanke bislang ausschließlich bei den SchülerInnen festgemacht, und mit der Diskussion, ob man sie jetzt noch strenger oder weniger streng sanktionieren soll bis sie die von den LehrerInnen erwartete Leistung erbringen, die Aufrechterhaltung überkommener, die herrschende soziale Ungleichheit verschärfender Privilegien verschleiert

Das, lieber Herr Ex-Direktor Schmidt ist zum Beispiel in Finnland anders. Hier orientiert sich der Leistungsgedanke auch an die Fähigkeit der Schule zur sozialen Integration. Diesem gesellschaftspolitischen Ziel folgend bemißt sich der Erfolg von   SchulleiterInnen und die LehrerInnen nicht darin, wievielen SchülerInnen sie mit ihren Benotungen den Zutritt ins weitere Leben nachhaltig erschwert haben sondern ob und inwieweit es ihnen gelingt, ein auf die individuellen Bedürfnisse und Potentialen der SchülerInnen abgestimmtes Lernklima zu schaffen, um mit jedem einzelnen Schüler/’Schülerin das ihm bestmögliche Lernresultat zu erzielen.

Leistungsbereite finnische LehrerInnen, denen die umfassende Entwicklung der ihnen anvertrauten jungen Menschen ein Anliegen ist, würden die aktuelle Diskussion in Österreich über die Bedingungen des Selektierens und Ausgrenzens für schlicht obszön empfinden. Aber die österreichisch Öffentlichkeit hat sich  – beschämend genug – offenbar irgendwie daran gewöhnt.

Aber die Finnen haben es möglicher Weise auch mit BildungspolitikerInnen zu tun, die ihnen in der bildungspolitischen Diskussion ein anderes Leistungsverständnis bieten als Amon, Schindelegger und Co

Kultur und Demokratie

Kurzbeschreibung

Michael Wimmer versucht in seinem kürzlich erschienenen Buch den Ursachen dieser Konzeptlosigkeit nachzugehen. Aus vorrangig politikwissenschaftlicher Sicht leitet er das heute gelebte Verständnis von Kulturpolitik aus den spezifischen historischen Entstehungsbedingungen eines Kulturbetriebs des ausgehenden 19. Jahrhunderts ab, der sich in erster Linie vordemokratischen Repräsentationsbedürfnissen verpflichtet wusste.

Anhand einer genaueren Analyse der wesentlichen kulturpolitischen Arenen, Verfahren und Akteure wird die strukturelle Defensive der kulturpolitischen EntscheidungsträgerInnen deutlich. Diese sehen sich erheblichen Beharrungskräften einer Verwaltung des überkommenen kulturellen Erbes gegenüber. Und so erscheint der Kulturbetrieb als bis heute nicht in der Demokratie angekommen. Die aktuellen politischen Entwicklungen lassen darauf schließen, dass Kulturpolitik als eigenständiges Politikfeld heute vor beträchtlichen Herausforderungen steht. Dabei geht es um schleichenden Kompetenzverlust – insbesondere der Bundeskulturpolitik – sowohl in Richtung gemeinsamer europäischer Zuständigkeiten als auch in Richtung einer wachsenden Bedeutung von Ländern und Gemeinden. Hinzu kommt ein, von  wachsender sozialer Ungleichheit begleiteter demographischer Wandel, der das kulturelle NutzerInnenverhalten nachhaltig beeinflusst. Weiters führt die stetige  Entwicklung der digitalen Medien zu sich gleichermaßen geänderten Produktions- und Rezeptionsverhältnissen, deren Konsequenzen für den Kunst- und Kulturbereich bis heute nicht durchdacht sind. Konkret schlägt Wimmer vor, künftige kulturpolitische Schwerpunkte am Bedarf eines neuen Gleichgewichtes zwischen Angebots- und Nachfrageorientierung auszurichten. Die Konsequenz wäre eine Weiterentwicklung des inhaltlich-programmatischen Anspruchs des Kunst- und Kulturbetriebs entlang demokratietauglicher Kriterien wie Toleranz, Neugierde, Mitwirkung, Integration oder Vielfalt.

Lizenz zum Lesen

Kurzbeschreibung

Mit der Veröffentlichung der aktuellen PISA-Studie ist das Lesen als kulturelle Basisqualifikation in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Wer selbst begeisterte LeserIn ist, weiß: Dabei geht es um mehr als um das Verstehen von Informationen, die in standardisierten Tests abgefragt werden können. Die Lesefreude zu wecken und darauf aufbauend die Lese-, Medien- und Informationskompetenz nachhaltig zu fördern, ist eine Aufgabe, bei der sich Schulen und Büchereien ideal ergänzen können.

Die Büchereien Wien möchten gemeinsam mit Wiener Schulen im Pilotprojekt „Lizenz zum Lesen“ neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln, um Kinder und Jugendliche mit dem Angebot der Büchereien vertraut zu machen und sie nachhaltig in ihrer Lesebiographie zu begleiten. Drei Standorte – die Hauptbücherei, die Zweigstelle Leberberg und die Zweigstelle Philadelphiabrücke – kooperieren mit jeweils einer Schule im lokalen Umfeld in einer Lernpartnerschaft. Diese Kooperationen können neue Erkenntnisse liefern zu Fragen wie:

  • Welche Rahmenbedingungen sind für eine gelingende Kooperation notwendig?
  • Welche Erwartungen haben die unterschiedlichen Beteiligten?
  • Welche Ressourcen und Kapazitäten können sie beibringen?
  • Wie können die SchülerInnen/Eltern/das schulische Umfeld mit einbezogen werden?
  • Welche gemeinsamen Ziele können formuliert werden?
  • Und wie kann deren Erreichung sichergestellt werden?
  • Etc.

 

Zur wissenschaftlichen Begleitung des Projekts arbeiten die Büchereien Wien mit EDUCULT zusammen. Ziel der Prozessbegleitung durch EDUCULT ist es, einerseits ein lernendes Projekt zu schaffen und damit die Grundlagen für die Optimierung der vorhandenen Qualität zu erarbeiten. Andererseits soll Wissen über Kooperationsprojekte, deren Gelingensbedingungen und Nutzen generiert werden, auf das Folgeprojekte aufbauen können.

Methode

Im Forschungsprozess arbeitet EDUCULT mit seinen bewährten dialogorientierten Methoden – Round Tables, Interviews. Zur Analyse der konkreten Projektarbeit werden auch Beobachtungen eingesetzt. EDUCULT reflektiert und diskutiert die Ergebnisse aus dem Forschungsprozess unter anderem in projektbegleitenden Steuergruppentreffen mit den Beteiligten, um den Lern- und Kommunikationsprozess inhaltlich zu fundieren und anzureichern.

Europa darf nicht Theresienstadt werden

Nach der Besetzung Dänemarks im Jahr 1943 überzog das NS-Regime auch dieses Land mit einer Verhaftungswelle unter der jüdischen Bevölkerung. Den deutschen Häschern fielen rund 450 Juden in die Hände, die nach ihrem Aufgreifen in das Vorzeige-Konzentrationslager Theresienstadt in Tschechien gebracht wurden. Die mutige dänische Regierung forderte daraufhin die Behörden in Berlin auf, sie über den Verbleib ihrer Landsleute zu informieren.

1944 gestattete der, für die Judenvernichtung des deutschen Reiches zuständige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann einen Besuch des Internationalen Roten Kreuzes in Theresienstadt. Zuvor ordnete er eine groß angelegte „Verschönerungsaktion“ an: Den jüdischen Häftlingen wurde befohlen, die Häuserfronten zu streichen, Blumenbeete und einen Spielplatz für Kinder anzulegen, die Turnhalle in eine Bühne und eine Bibliothek zu verwandeln sowie einen Musikpavillon zu errichten. Um das Gelände weniger überfüllt erscheinen zu lassen, wurden rund 7 500 Personen vorzeitig nach Auschwitz geschafft.

Die Inspektoren des Roten Kreuzes ließen sich von den falschen Fassaden vollständig täuschen, sodass die Vertreter davon absahen, danach auch noch andere Lager im Osten, insbesondere das „Arbeitslager“ Auschwitz zu besichtigen. Der groß angelegte Schwindel erwies sich als ein großer Sieg für die Nazi-Propaganda.

Wenige Wochen nach der Inspektion begannen die Dreharbeiten zum Film „Theresienstadt“, der unter dem Titel „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ in die Geschichte eingehen sollte. Der Film, der nicht vollständig erhalten geblieben ist, zeigt die scheinbare Idylle eines Lagers, in dem einander geregelte Arbeit mit vielfältigen sportlichen und kulturellen Freizeitaktivitäten abwechseln. Gezeigt werden u. a. „eine gut besuchte Vortragsreihe über wissenschaftlich und künstlerische Themen“, „kreatives Schaffen in einer Töpferei“, ein „Fußballspiel“ und eine „musikalische Darbietung eines Werkes eines in Theresienstadt lebenden jüdischen Komponisten“ durch ein großes Orchester.

Ein Großteil der jüdischen DarstellerInnen erlebte die Fertigstellung des Films nicht. Sie wurden unmittelbar nach Ende der Aufnahmen in andere Konzentrationslager weiter transportiert (unter ihnen auch der „Regisseur“ des Films Kurt Gerron, die in Auschwitz-Birkenau umkam). Die Nazis beabsichtigten, den Film in zahlreichern Kopien an internationale Organisationen zu versenden, um den Gerüchten über die deutsche Massenvernichtung entgegen zu wirken. Der Zusammenbruch der Ostfront und damit das Offensichtlichwerden der Gräueltaten des NS-Regimes sollte diesen späten Versuch euphemistischer Propaganda zunichte machen. Aber erst die Zeugenschaft der wenigen Überlebenden machte das ganze Ausmaß der Infamie des Lagerlebens deutlich, in dem sich Kabarett-, Theater- und Musikaufführungen mit zum Teil prominenten Ausführenden des kulturellen Lebens mit brutaler Repression vermengten (So überlebten von den rund 15 000 Kindern, für die u. a. die Oper „Brundibar“ 55mal aufgeführt wurde nur rund 150 das Kriegsende).

Der tendenzielle Verlust des (politischen) Realitätssinns

Diese, nur scheinbar weit hergeholte Assoziation über ein, das Europa des 20. Jahrhunderts prägenden Geschehens, überkam mich, als ich jüngst eine Veranstaltung des Österreichischen Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur zu „Kreative Partnerschaften“ besuchte. U. a. berichtete dort eine Mitarbeiterin der englischen Vermittlungseinrichtung „Culture, Creativity, Education“ in bewegten Worten über ihr Flagship-Programm „Creative Partnerships“. Einmal mehr zeigten sich die österreichischen ZuhörerInnen über die schieren finanziellen Größenordnungen fasziniert, darüber hinaus von den vollmundigen Versprechungen und den Beweisen, welchen nachhaltig positiven Beitrag das Programm für die Verbesserung der Lebenschancen gerade für benachteiligte junge Menschen zu leisten vermag.

Was die Kollegin aus England aber mit keinem Wort erwähnte, das waren die geänderten politischen Rahmenbedingungen, die mit dem Amtsantritt der Regierung Cameron/Clegg dem Projekt ein baldiges Ende vorsehen. Dabei hatte der Direktor Paul Collard von CCE bereits vorigen Oktober öffentlich gemacht, dass die neue Regierung – sehr zu seinem Bedauern – nicht bereit war, den in mehreren Evaluierungen nachgewiesenen positiven Wirkungen Rechnung zu tragen und statt dessen im Rahmen des allgemeinen Sparkurses eine schrittweise Beendigung bis 2012 vorzunehmen. Als einer der Gründe wurde die Herkunft des neuen Erziehungsministers Michael Gove ins Treffen geführt, der sich als wie viele seiner aktuellen Amtskollegen eine andere Bildung, als die er selbst in einer der britischen
Eliteschulen genossen habe, gar nicht vorstellen könne.

Diese Art der rhetorischen Realitätsverweigerung schien mir umso erstaunlicher, als ich bei anderen europäischen Treffen der jüngsten Zeit durchaus den Eindruck gewinnen konnte, dass den englischen KollegInnen die politisch verordneten Grenzen bisheriger Advocacy-Strategien zugunsten einer neuen Lehr- und Kernkultur angesichts des parteipolitischen Wechsels der Kräfteverhältnisse durchaus zum Nachdenken gebracht haben.

Die Erfolge von „Creative Partnerships“ und die perspektivlosen Realitäten für junge Menschen am Arbeitsmarkt

An die Grenzen meiner Verständnisbereitschaft aber bin ich gestoßen als die Mitarbeiterin von CCE einen ehemaligen englischen Minister zitierte („Und wenn es ein Minister sagt, dann muss es ja wahr sein“) der gemeint haben soll, 60
% der Jobs, den die SchülerInnen von heute einmal ausfüllen würden, seien noch gar nicht „erfunden“ worden. Daher habe sich “Creative Partnerships” zum Ziel gesetzt, den jungen Menschen die Haltung zu vermitteln „not to seek for a job but to create a job“.

Ginge es darum, den Beweis für diesbezügliche Arbeitsmarkterfolge von “Creative Partnerships” anzutreten, dann kämen wir rasch in Verlegenheit (und müssten möglicher weise der englischen Regierung sogar zustimmen, das Projekt möglichst rasch zu stoppen). Immerhin wies England – „Creative Partnerships“ hin oder her – im März dieses Jahres einen Höchststand der Arbeitslosigkeit im Ausmaß von 2,53 Mio. aus. Dabei nahm der Anteil der Jugendarbeitslosigkeit nochmals eine Sonderstellung ein. Sie beträgt bei 16 – 24jährigen – dem Office of National Statistics zufolge – mittlerweile über 20%.

Völlig irrwitzig aber wird die Behauptung, kulturelle Bildung wäre in der Lage, die Beschäftigungschancen junger Menschen nicht nur punktuell sondern strukturell zu verbessern, wenn man in den Süden Europas blickt. So hat die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien mittlerweile ein völlig unerträgliches Ausmaß von 50% erreicht, gefolgt von Griechenland, dessen von völligem Zusammenbruch bedrohte Wirtschaft nur mehr in der Lage ist, rund 55% der Jugendlichen Aussicht auf Beschäftigung zu bieten. Und angesichts dieser schieren Zahlen wird wohl niemand argumentativ versuchen wollen, kulturelle Bildung als Maßnahme für einen nachhaltigen Verbesserung der Arbeitsmärkte anzupreisen.

Ich erwähne dieses Beispiel, weil sich damit sehr gut die zunehmende Verselbständigung eines Diskurses nachzeichnen lässt, der immer weniger in der Lage ist, auf die realen Verhältnisse derer, an die sich kulturelle Bildung vorgeblich richtet Bezug zu nehmen. Und so verständigen sich in der Regel pragmatisierte Lobbyisten, die nie auch nur einen einzigen Job geschaffen haben, in erster Linie zur eigenen Psychohygiene über junge Menschen, denen kulturelle Bildung dazu verhelfen soll, ihren eigenen Job zu kreieren. Und werden nicht einmal rot dabei.

Die Zukunft Europas steht auf dem Spiel

Die erschreckenden Arbeitslosenzahlen sind nur ein, dafür besonders signifikantes Zeichen für eine für eine umfassende politische Perspektivlosigkeit der demokratischen Kräfte in Europa.. Entsprechend erlebt der Kontinent  in diesen Tagen eine fundamentale Krise, die die Grundfesten des Zusammenlebens seiner Gesellschaften erschüttert. Was sich hier zusammenbraut, das ist ein globaler Wirtschaftskrieg, dem Europa mit seinen wachsenden zentrifugal wirkenden nationalistischen Kräften, denen nur sehr unzulänglichen Kooperationsstrukturen entgegenstehen, kaum gewachsen zu sein scheint. Und plötzlich stehen fundamentale europäische Werte zur Disposition, wenn von rechtspopulistischen und rechtsradikalen Parteien in einer immer mehr Ländern mühsam errungene demokratische Errungenschaften angezweifelt und bislang selbstverständliche Solidaritäten in Frage gestellt werden.

Den Preis zahlen nicht nur die politisch zunehmend ausgegrenzten MigrantInnen; die Verunsicherung reicht mittlerweile weit in mittelständische Milieus, die traditionell als die entscheidenden Träger des kulturellen Lebens gelten, jetzt aber ganz andere Probleme haben, weil sie ihre Zukunftsperspektiven in Frage gestellt sehen. Dazu warnte jüngst der ehemalige österreichische Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, sich vom bislang gemeinsamen Ziel eines sozialen Europa zu verabschieden. Die einzig verbleibende Antwort der Betroffenen sieht er in der Verschärfung sozialer Konflikte bzw. im Ausbrechen einer neuen Welle durchaus handgreiflicher Revolutionen. Es wäre das dann die tätige Umsetzung von Stéphane Hessel’s Forderung nach „Indignez Vous!“ mit unabsehbaren gesellschaftspolitischen Folgen.

Was hier – von den RepräsentantInnen kultureller Bildung weitgehend ignoriert und damit unkommentiert – passiert ist nach Gusenbauer „die schrittweise Zerlegung sozialer Erfahrungen und Bedürfnisse, die die Abschaffung von deren Erfordernissen durch angewandtes Ignorantentum vorbereitet. Wenn man wissen will, wie Staaten aussehen können, die sich bereits auf der Zielgeraden des neu eingeschlagenen Weges befinden, braucht man nur nach Ungarn oder Italien zu schauen“.

Liegt Europas Ausweg in  seiner umfassenden Musealisierung?

Bereits 2006 hatte der deutsche Professor für Ästhetik Bazon Brock im Rahmen seines „Lustmarsches durchs Theoriegelände“ vor einer Niederlage Europas in diesem zunehmend brisanter werdenden Konkurrenzkampf gewarnt. Auch wenn manche RepräsentantInnen kultureller Bildung dem vielleicht sogar etwas abgewinnen können, prognostizierte er bereits vor fünf Jahren den künftigen Funktionszuschreibung Europas als eines großen Museums der überkommenden Werte. Seine geopolitische Position im Rahmen einer künftigen internationalen Arbeitsteilung würde sich im wesentlichen darauf beschränken, bei seinen Gästen die Erinnerung am realpolitisch verloren gegangener Werte wie Demokratie, Solidarität aber auch Kultur oder Kunst wach zu halten, die hierzulande als Museumsobjekte noch einmal in ihrer ganzen gesellschaftspolitische Wirkungslosigkeit bestaunt werden können.

In äußerster Zuspitzung hätten wir es dann mit einem europaweiten Theresienstadt zu tun: Ja, auch in einem solchen Zukunftsszenario könnten die Menschen Musik machen, Theater spielen, vielleicht sogar Filme drehen. Diese Tätigkeiten mögen ihre Lebensbedingungen zumindest für den jeweiligen Augenblick erträglich erscheinen lassen, vielleicht sogar Hoffnungen auf einen Ausweg wach halten. Und doch werden diese kulturellen Tätigkeiten in erster Linie zu einer Bestätigung, dass sie als EuropäerInnen nicht mehr Herr oder Frau ihrer Lage sind; dass politisch Mächtige ganz andernorts über sie bestimmen und über ihr Leben – und im letzten auch über ihr Sterben – entscheiden (um dabei auch noch auf das reiche kulturelle Leben als wirkungsvolles Propagandaargument zur Bestätigung der eigenen Machtansprüche ins Treffen zu führen).

Für ein Kulturleben jenseits der politischen Verdummung

In diesen Tagen ist das Buch „Blödmaschinen – Die Fabrikation der Stupidität“ von Markus Metz und Georg Seeßlen herausgekommen. Ich würde gerne künftigen Diskussionen zu kultureller Bildung das Motto dieser umfassenden Gesellschaftsanalyse ans Herz legen: „Diese Gesellschaft verwandelt sich von einem System, das von sich nichts wissen kann, über ein System, das von sich nichts wissen darf, in ein System, das von sich nichts wissen will“.

Um diese These zu falsifizieren empfehle ich uns allen die Lektüre des Buches, vielleicht während der kommenden Sommerferien am Strand einer griechischen Insel, in der Hoffnung, damit einen ganz konkreten, weil finanzwirksamen Beitrag zu leisten, der mithilft, den völligen Kollaps dieses EU- Mitgliedsstaates (und bei der Gelegenheit vielleicht auch gleich des ganzen europäischen Projekts) abzuwenden.

Über den Gewinn von Kontroversen und den Verlust von Kostbarkeit

Vorab eine ebenso persönliche wie überraschende Wahrnehmung: Ich sitze als Zuhörer im Forum „Digitale Kulturvermittlung“. An der Stirnfront des Arbeitsraums hängt ein dekoratives Kunstobjekt, vielleicht zweimal zwei Meter groß. Davor ein Panel aus drei Vermittlerinnen, die anhand ihrer Arbeitspraxis die Entwicklungstrends der aktuellen Digitalisierung anhand ihres Berufsfeldes diskutieren. Eine von ihnen verdeckt einen Teil des Kunstobjekts. Vor ihr eine Menge technischer Geräte, Computer, Beamer, Verteiler, Drähte, Lautsprecher, die in Gang gesetzt werden, nicht funktionieren, Irritation der Vortragenden hervorrufen, durch Unaufmerksamkeit auf den Boden fallen, wieder angeschlossen werden,  jedenfalls eine Menge an Aufmerksamkeit erregen und sich dabei als eine machtvolle Instanz zwischen mich und das Bild an der Wand schieben.

Aber um das Bild an der Wand ging es ja gar nicht. Vielmehr um eine Bestandsaufnahme des state of the art von Vermittlung im Zeitalter der digitalen Medien. Dazu vermittelte der Kongress „netz.macht.kultur“ der Deutschen Kulturpolitischen Gesellschaft, der vorige Woche in Berlin stattfand, eine Reihe sehr eindrücklicher Beispiele von kulturellen Einrichtungen, die zur Zeit erfolgreich versuchen, mit viel Engagement die von Thomas Krüger, dem Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung, konstatierten „bewahrpädagogischen Duldungsstarre“ zu überwinden.

Und doch machte mir die räumliche Situation im Forum unmittelbar bewusst, dass die neuen technologischen Errungenschaften auch eine Form der Entfremdung darstellen. Ich erfahre ganz sinnlich, dass sich zwischen mich und das Kunstwerk immer mehr Personen und Apparate zu schieben versuchen, die nach erfolgreichem „Interagieren“ vorgeben, eine Brücke zwischen mir und der Kunst schlagen zu wollen und mich doch im selben Ausmaß ganz unmittelbar räumlich von eben dieser Kunst entfernen.

Digitale Vermittlung zwischen Annäherung und Entfremdung

Ungewollt wurde damit die Sitzanordnung bei diesem Forum zum Ausdruck einer Widersprüchlichkeit der Einschätzung der Konsequenzen der Digitalisierung des Kulturbereichs, der die gesamte Veranstaltung durchzogen hat. Es gehört zu den
Qualitäten der guten Vorbereitung dieses Kongresses, dass diese Gegensätzlichkeiten von Anfang an zum Ausdruck kommen durften und sich in zum Teil diametral unterschiedliche Positionen zu artikulierten vermochten.

Um an dieser Stelle möchte ich nur einige wenige Diskussionsfäden auszugreifen: So informierte die Content Managerin des Städel-Museums Frankfurt über eine Vielzahl neuer Kommunikationsformen, die das Haus seinen (potentiellen) NutzerInnen anbieten. Facebook, Twitter, Friendfeed, Lifestream, Flickr, Youtube oder Blog bilden die Bestandteile der von Daniela Bamberger sieben Tage in der Woche Tag und Nacht gemanagten Vernetzung mit der Städel-Community, im Rahmen derer die NutzerInnen elektronisch Fragen stellen, Kommentare abgeben, sich auf ihre Ausstellungsbesuche vorbereiten, ihre eigenen Galerien anfertigen oder für den Zubau spenden können. Und natürlich können die NutzerInnen auch über die Führungsthemen abstimmen, was mich zur Frage bringt, was das für die Themen bedeutet, die nicht erstgereiht wurden – und damit für diejenigen, die sich als eine für irrelevant erklärten Minderheit dafür interessiert hätten.

Wie überhaupt ein Hang zu einer „Vermainstreamung“ unübersehbar ist, wenn die Rückmeldungen auf die Ausstellung „Sandro Botticelli“ genau jene Klischees zu verfestigen scheinen, die Kunstvermittlung einst aufgebrochen ist, zugunsten neuer sinnlich-ästhetischer Erfahrungsräume hinter sich zu lassen. Jedenfalls lassen die bekannt gemachten Feedbacks in ihrer inhaltlichen Bescheidenheit vermuten, dass sich die RückmelderInnen in ihren diesbezüglichen Erkundungen nicht sehr weit vorgewagt haben.

Für eine Kultureinrichtung wie das Städel-Museum ist es sicher ein entscheidender Wettbewerbsvorteil, auf diese Weise mehr über die Gewohnheiten und Erwartungen seiner potentiellen NutzerInnen zu erfahren. Und doch kann man bei der Beobachtung dieser neuen Formen der digitalen Interaktion auch den Eindruck einer massenhaften Verfestigung bestehender Attitüden bekommen.

Die Fortsetzung des Wettbewerbs auf technologisch avanciertem Niveau?

Auf struktureller Ebene machte der Einblick in die Städel’sche Erfolgsgeschichte seiner digitalen Neuverortung im öffentlichen Raum ein gravierendes kulturpolitisches Problem deutlich. Immerhin suggeriert der Eintritt in den digitalen Raum den Abbau hierarchischer Verhältnisse, der allen TeilnehmerInnen gleichberechtigte Zugangschancen verschaffen würde. Ausgeklammert wird (und wurde auch während des Kongresses) der Umstand, dass dieser Eintritt in diese Arena die Bereitschaft zur Mitwirkung an einer neuen Form des Kampfes um Aufmerksamkeit bedeutet.

Ja, alle haben die Chance, ihre spezifischen Inhalte und ihre daran geknüpften Kommunikationsangebote anzubieten. Und doch ist zu vermuten, dass mit der Eröffnung dieser neuen Runde des Wettbewerbs mit technologisch aufgerüsteten Mitteln nicht alle Angebote per se den gleichen Grad an Aufmerksamkeit finden werden, etwa wenn es darum geht – wie das das Dresdener Beigeordnete für Kultur drastisch auf den Punkt gebracht hat –  eine Balance zwischen dem Besuch einer Block-Buster-Auststellung im Städel-Museum in Frankfurt und dem einzigen erhaltenen Wohnort des Komponisten Carl Maria von Weber in seinem Heimatort Dresden herzustellen.

Der Verlust der Kostbarkeit

Dazu noch eine heikle Anmerkung; Angesichts des immer unübersichtlicheren Angebots im digitalen Raum ist mir der Verlust des Begriffs „Kostbarkeit“ aufgefallen. Das ist möglicher Weise kein Zufall. Gegen seine Verwendung suggeriert der digitale Raum, dass immer schon alles da ist und nur darauf wartet, endlich wahr genommen, genutzt, kommentiert oder sonst wie verwendet zu werden. Da ist nichts mehr, was angesichts suggerierter medialer Allverfügbarkeit die Zuschreibung „kostbar“, weil einzigartig, zumindest besonders herausragend verdienen würde; ein Umstand, der auch etwas über die Änderungen unserer kulturellen Wertvorstellungen insgesamt erzählt, die sich nicht mehr am Mangel sondern am Überschuss kultureller Angebote orientieren, die, nach den Vorgaben der Industrie auf Gedeih und Verderb, an die potentiellen NutzerInnen herangetragen werden müssen während sie für den großen Rest der NichtnutzerInnen als Wert überhaupt nicht mehr erkannt werden. 

Das Ende von Kulturpolitik im digitalen Raum?

Im Verhältnis von ProduzentInnen und RezipientInnen machte dieser Kongress einen gravierenden Unterschied im kulturpolitischen Zugang deutlich. Wurden und werden im physischen kulturellen Raum immer wieder kulturpolitische Maßnahmen überlegt (und da oder dort auch umgesetzt), um eine auf vielfältige Nutzung gerichtete Nachfrage Rechnung zu tragen, so hat sich im digitalen Raum die Kulturpolitik als steuernde Kraft weitgehend verabschiedet (ihr wird in der Zuschreibung als überkommenes Verwaltungshandeln zur Fortschreibung bestehender Ungleichheiten bestenfalls eine beharrende, die aktuelle Dynamik bestenfalls bremsende Wirkung zugesprochen).

Kein Kulturpolitiker weit und breit, der noch einmal versuchen wollte, im Kontext der digitalen Medien das Mitwirkungsverhalten einzelner Bevölkerungsgruppen zu beeinflussen. So konnte man im Lauf des Kongresses den Eindruck gewinnen, der digitale öffentliche Raum sei restlos „entpolitisiert“ und würde weitgehend den Marktkräften im Spannungsverhältnis von Angebot und Nachfrage überlassen. Sie alleine seien in der Lage, dank der neuen technischen Möglichkeiten der Interaktion die Verhältnisse vor allem zwischen den Institutionen und ihren NutzerInnen neu zu bestimmen.

Anders im Bereich der Produktion, für die sich die Kulturpolitik noch einmal deutlich zuständig erklärte. Dabei ging es vor allem um die Aufrechterhaltung des bisherigen Urheberrechtsverständnisses: Während sich der für Kultur zuständige deutsche Staatsminister Bernd Neumann bereits in seiner Eröffnungsrede sehr deutlich für den Fortbestand eines, aus vordigitalisierten Zeiten stammenden subjektzentrierten Urheberrechts auch im virtuellen Raum aussprach, verkündete der niederländische Medientheoretiker Geert Lovink auf Grund der völlig geänderten Produktionsverhältnisse den „Tod des Urheberrechts“. Und zwischen diesen beiden Extremen schwang dann auch die Diskussion während der gesamten Konferenz, die durch die jüngste kriminalpolizeiliche Sperre der Filmplattform „kinot0“ besondere Brisanz erlangte.

Das Ende des Kunstspiels

Noch einmal einen ganz anderen Ton schlug der mit seiner Studie „Die Erlebnisgesellschaft“ bekannt gewordene Soziologe Gerhard Schulze in seinem Vortrag „Strukturwandel und Öffentlichkeit 2.0“ an. In Weiterentwicklung der gleichnamigen Habilitationsschrift von Jürgen Habermas konstatierte er eine fundamentale Veränderung dessen, was bislang als „öffentlicher Raum“ gegolten hat. Unter der Überschrift „Marginalisierung“ vermeldete Schulze „den Verlust der Kunst“ als Leitmedium der gegenwärtigen pluralistischen Gesellschaften. Stellte für die bürgerliche Öffentlichkeit die Kunst noch das höchste Gut dar, um auf diese Weise als Quelle des bürgerlichen Selbstbewusstseins zu firmieren, so habe sich diese Qualität zunehmend an die Ränder verschoben. Damit mutiere das Kunst-Spiel nicht mehr die Eintrittskarte ins gesellschaftliche Leben sondern die Bereitschaft, sich in eine von vielen Nische zu begeben: „Wenn ich in die Oper gehe, bin ich nicht (mehr) am Puls der Öffentlichkeit, vielmehr suche ich eine Nische auf. Gleiches gilt für Einkaufzentren, Kneipen, Automobilmessen, Fernsehformate oder Swinger Clubs. An die Stelle eines gemeinsamen Kristallisationskerns sind zahllose Andockmöglichkeiten für ebenso zahllose Interessen, Idiosynkrasien und Obsessionen getreten“. Der Bezug zum Tagungsthema: Die Digitalisierung aller Lebensbereiche beschleunige den Trend zur Marginalisierung und führe darüber hinaus zur Auflösung des „Kunstspiels“: „Die digitale Öffentlichkeit hat das Kunstspiel hinter sich gelassen. Damit verbindet sich eine Einebnung in zweierlei Hinsicht: eine Egalisierung der Werke und eine Demokratisierung der Rezipienten“.

Für die einen mag dieser Befund einer, die Fundamente der Profession erschütternden narzisstischen Kränkung gleichkommen, wenn damit die gesellschaftliche Deutungskraft ihres idealistisch aufgeladenen Gegenstands Kunst und Kultur relativiert wird. Für die anderen hingegen mögen die Ausführungen Schulzes, der für einen Wissenschafter in erstaunlich neokonservativer Attitüde schon einmal das Theaterschaffen der letzten Jahre als insgesamt „idiotisch“ wegzuwischen vermochte, entlastend wirken, weil sie sich damit ohne Berührungsängste in das überbordende Angebot eines weitgehend digitalisierten Marktes einzuordnen vermögen.

Folgt Österreichs Kulturpolitik bereits Schulzes Marginalisierungsthesen?

Aus österreichischer Sicht war vor allem erstaunlich, dass eine solche, durchaus auf Kontroverse angelegte kulturpolitische Fachveranstaltung in Zeiten, in denen „Rettungsschirme für Banken mit Sparpaketen für Kultureinrichtungen“ (Thomas Krüger) korrelieren, überhaupt stattfinden kann. Hierorts scheint sich die Szene bereits weitgehend damit abgefunden zu haben, dass die österreichische Kulturpolitik die Schulze’schen Befunde der Marginalisierung antizipiert hat, um gar nicht mehr auf die Idee zu kommen, dass ihre Weiterentwicklung unmittelbar an die Aufrechterhaltung diskursiver Räume geknüpft ist. Dass einzelnen Akteuren die Bereitschaft zur Diskussion nicht verloren gegangen ist, zeigte die große Zahl kulturpolitischer ExilantInnen bei dieser Fachtagung, zu der auch die SPÖ-Kultursprecherin Sonja Ablinger gehörte.

Das Stapferhaus und seine aktuelle Ausstellung „Home – Willkommen in der virtuellen Heimat“ als Beispiel von Good Practice

Zum Abschluss möchte ich auf ein besonderes Beispiel von Good Practice hinweisen, das auch bei „netz.macht.kultur“ vorgestellt wurde. Es geht um die Ausstellung „Home – Willkommen im digitalen Leben“, die vom Stapferhaus im schweizerischen Lenzburg ausgerichtet wurde. Als ein Angebot an die BesucherInnen, sich mit den vielfältigen Einflüssen der digitalen Technologien auf unsere Lebens- und Arbeitsformen auseinander zu setzen, schafft sie nicht nur interaktive Räume sondern – wie in den Satzungen des Stampferhauses vorgesehen – ganz unmittelbar Kultur.