Salon der Kulturen – Access to Culture
Kretakör - Neue Theaterformen als Beispiel demokratischer Bildung?
EDUCULT bedankt sich bei Árpád Schilling, dem Leiter der ungarischen Stiftung Krétakör, für seinen Besuch beim Salon der Kulturen am 11. Dezember 2014.

Veranstaltungsrückblick

Der ungarische Theatermacher und Aktivist Árpád Schilling berichtete Eindrückliches aus der Erfahrung seiner Stiftung Krétakör vor dem Hintergrund der politischen und sozialen Krise in Ungarn. Deutlich wurden dabei die vielen Konfliktlinien, die sich durch die ungarische Gesellschaft ziehen. Die Regierung  (wohlgemerkt, Viktor Orbán erhielt seine Ausbildung in Oxford und wurde durch Stiftungen unterstützt, die sich die Förderung der Demokratie auf die Fahnen geschrieben haben) verhält sich frei nach dem Motto: seid ihr nicht für uns, seid ihr gegen uns. Unter diesem Patriotismusprogramm schwelen unzählige soziale Konflikte, die die Regierung vor allem mit Unterdrückung kritischer Stimmen Herr zu werden sucht. Wie es in einer solchen Gesellschaft denen geht, die politisch-kritische Kunst und Bildungsprogramme umsetzen möchten, wurde anhand Schillings Bericht deutlich. Schilling beendete seine Präsentation erfolgreicher Projektbeispiele – Debattentheater mit Roma und Nicht-Roma zur Bearbeitung von alltäglichen Konflikten in einem Dorf, Hamlet mit international renommierten Schauspielern in Schulturnhallen vor ungarischen Klassen, die Freie Schule zur Förderung von demokratischem Engagement von jungen Menschen – mit einem schwarzen Bild eines ins bodenlose fallenden Menschen. Titel 2014: The Black Year. Ohne öffentliche Förderung ist die Perspektive von Schilling`s Projekt derzeit unklar. Allerdings deuten jüngste Berichte darauf hin, dass auch die Regierung Orbán nicht länger auf der Erfolgswelle schwimmt. Vor allem mit dem Versuch der Einführung einer Internetsteuer, von obligatorischen Drogentests für Kinder ab 12 Jahren, Korruptionsvorwürfen und massiven Einsparungen im Bildungs- und Sozialbereich macht sich die Regierung zunehmend unbeliebt, regierungsfeindliche Proteste nehmen zu. Wie es im österreichischen Nachbarland weitergeht, ist offen. Allerdings würden wir den Entwicklungen angesichts der Brisanz mehr mediale Aufmerksamkeit wünschen.

 

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Salon der Kulturen - Access to Culture

1995 begann Krétakör mit Inszenierungen von Tschechows Die Möwe oder Büchners Woyzeck. Immer darauf bedacht aktuelle gesellschaftspolitische Fragen zu thematisieren, hat Krétakör in den vergangenen Jahren die klassische Dramenliteratur hinter sich gelassen und neue Wege des Theatermachens gesucht.

Aktionistische Inszenierungen mit Titeln wie Korruption oder The Party is over - but we keep on going! charakterisieren heute die Arbeit des Theaterkollektivs. Gerade durch partizipative und künstlerische Prozesse wird versucht neue Formen der Theaterarbeit zu realisieren. Dazu gehört die Arbeit mit ungarischen und deutschen Jugendlichen zu Fragen der Demokratie und Teilhabe oder Dialogforen zwischen Roma und nicht-Roma EinwohnerInnen in zwei ungarischen Dörfern. Im Orban-Ungarn sind Krétakör zur wichtigsten kritischen Kunstgröße avanciert, erfahren jedoch auch international höchste Aufmerksamkeit als Protagonisten zeitgenössischer und interdisziplinärer Theaterarbeit.

Die Erfahrungen von Krétakör sind für EDUCULT vor allem aus der Perspektive des Zugangs zu Kultur (Access to Culture) und kultureller Teilhabe von großem Interesse. Denn der Zugang von Kunst und Kultur wurde in den vergangenen Jahren zu einem der Leitthemen im kulturpolitischen Diskurs auf europäischer und nationaler Ebene. Neue Formen der Kulturarbeit und kultureller Teilhabe sollen demokratische Bildung fördern und die Entfremdung von BürgerInnen gegenüber politischen Prozessen verringern.

Trotzdem gibt ist eine Diskrepanz zwischen der rhetorischen Bekenntnis zu Access to Culture als Form der demokratischen Bildung einerseits und der Umsetzung neuer Zugangs- und Partizipationsformen zu Kultur andererseits. Krétakör ist eines der wenigen mitteleuropäischen Beispiele für die konsequente Grenzüberschreitung klassischer Theaterarbeit. Mit dem Ziel unterschiedliche Publikumsgruppen vor einem interkulturellen Hintergrund in den kreativen Prozess einzubeziehen, sucht Kretakör immerfort neue Umsetzungsformen.

Wir laden Sie herzlich ein, mit Árpád Schilling und Michael Wimmer am Beispiel von Krétakör, neue Wege und Formen der kulturellen Teilhabe im Theater mit uns zu diskutieren.

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Termin: Donnerstag, 11. Dezember 2014, 19:00 Uhr

Ort: Universität für angewandte Kunst Wien, Lichthof

Moderation: Michael Wimmer, EDUCULT

Gast: Árpád Schilling

 

Wir danken der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA7), Abteilung Stadtteilkultur und Interkulturalität für die finanzielle Förderung und der Universität für angewandte Kunst für die Unterstützung der Veranstaltung!